RIP: Abdullah Ibrahim

Abdullah IbrahimAbdullah IbrahimIch kann mich noch gut daran erinnern: Vor gut 20 Jahren, Abdullah Ibrahim war Anfang der 1990er-Jahre aus dem Exil in sein Heimatland Südafrika zurückgekehrt, war der Pianist Ehrengast beim North Sea Jazz Festival im südafrikanischen Kapstadt. Dort war er eine (jazz)musikalische Instanz – jemand, dem man unbedingt Gehör schenken musste, wenn er etwas sagte. Zum fünften Mal fand 2004 dieses Musikfest in Kapstadt als Ableger des holländischen Mutterfestivals statt. Auf einer Pressekonferenz sollte Ibrahim den internationalen Journalist:innen vor Ort Rede und Antwort stehen, der sich allerdings mürrisch und wortkarg gab. Zum Beispiel forderte er ein südafrikanisches Pendant zum Jazzfestival in Kapstadt in den Niederlanden. Oder er verwies auf die hohe Kriminalität und Gewalt in seiner Heimat, und nannte als einen Grund, dass viele schwarzen Südafrikaner:innen durch das Apartheid-Regime ihre Identität verloren hätten. „Der weiße Mann denkt im Uhrzeigersinn“, sagte er, „wir schwarzen Südafrikaner:innen aber gegen den Uhrzeigersinn. Erst wenn wir dorthin zurückkehren, werden wir Apartheid und Rassismus überwunden haben.“ Sein Konzert kurz darauf im rappelvollen Saal wurde von den Menschen begeistert gefeiert, genauso wie das seiner Landsfrau Miriam Makeba anderntags.

1934 wurde Ibrahim als Adolph Johannes „Dollar“ Brand in Kapstadt geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, begann als Kind, Klavier zu spielen, und ließ sich von einem Lehrer seiner Schule unterrichten. Seinen Spitznamen soll er von amerikanischen Seeleuten bekommen haben, weil er ständig auf der Suche nach Schallplatten gewesen sei, die für einen US-Dollar zu haben waren. In den 1950er-Jahren begleitete er in Kapstadt lokale Gesangsgruppen und gründete ein Quartett, aus dem kurz darauf die Jazz Epistles (unter anderem mit dem Trompeter Hugh Masekela) werden sollten. Er gehörte zu den Musiker:innen, die damals einen eigenen Dialekt aus dem afroamerikanischen Jazz entwickelten: den Cape-Jazz, groovebetont, rhythmisch und in der Regel tanzbar. 1962 nutzte er ein Gastspiel mit dem Musical „King Kong“ in London, um dem rassistische Apartheid-Regime in Südafrika den Rücken zu kehren, und zog zuerst nach Zürich, wo er von Duke Ellington entdeckt wurde, und daraufhin in die USA ging.

Dort spielte er unter anderem mit John Coltrane und Ornette Coleman, war eine Weile lang Mitglied im Quartett von Elvin Jones und wurde unter anderem von Gato Barbieri und Don Cherry als Pianist engagiert. Ende der 1960er konvertierte er zum Islam und gab sich den Namen Abdullah Ibrahim. 1974 kehrte er für kurze Zeit nach Kapstadt zurück und machte Aufnahmen mit Jazzmusikern aus Südafrika. Dabei entstand auch „Mannenberg“, eine spontane Improvisation Ibrahims im Studio auf einem Upright-Piano, in die drei Saxofonisten plus Rhythmusgruppe einstiegen. Das Thema bezieht sich auf ein Stück des Trompeters Elijah Nkonyane aus den 1950ern, stilistisch ist „Mannenberg“ ein Mix aus verschiedenen Musikgattungen Südafrikas. Kurz nach der Veröffentlichung dieses gut 13-minütigen Stücks wurde es in Ibrahims Heimat populär und galt vielen als Hymne der südafrikanischen Anti-Apartheitsbewegung.

Nach dem Ende der Apartheit in Südafrika zog Ibrahim zurück nach Kapstadt. Er spielte bei der Amtseinführung Nelson Mandelas zum erstem schwarzen Präsidenten Südafrikas Klavier. So kämpferisch und rebellisch er zu Zeiten der Apartheid auch war, so gab er sich nach deren Ende geradezu versöhnlich und sprach oftmals von Aussöhnung zwischen der weißen Minderheit in Südafrika und der schwarzen Mehrheit. Auch seine Musik veränderte sich: Oftmals versunken am Flügel sitzend klang Ibrahim weicher und sanfter, kreiselte selbstvergessen um sich selbst und zitierte Bekanntes ebenso in seinen ausholenden, oftmals ohne Pausen gespielten Improvisationen wie er spontane Einfälle und Eingebungen zuließ. Seit 2012 lebte er im oberbayerischen Chiemgau, von wo aus er sich für Tourneen und Konzerte andernorts auf den Weg machte. Am 15. Juni ist Abdullah Ibrahim nach kurz Krankheit im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Text
Martin Laurentius
Foto
Peter Rauch

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