Die Überschriften einiger Nachrufe auf Willem Breuker (1944-2010) haben sich auf den ersten Blick beinahe pietätlos gelesen: Spaß am Free Jazz betitelte die Süddeutsche Zeitung ihre Erinnerung an den holländischen Klarinettisten, Saxofonisten und Komponisten zum Beispiel, und die Neue Musik Zeitung überschrieb ihren Text mit Großer, kluger Clown des Jazz. Der Grund für solche Überschriften ist wohl der, dass Breuker schon von Beginn an seine Improvisationsmusik gerne als eigenwilliges Happening, als klamaukige Performance inszenierte. Das entsprach sicherlich auch dem Zeitgeist der 68er-Generation, die mit witzigen Aktionen gerne dem so genannten bürgerlichen Establishment den Spiegel vor die Nase halten wollte. Doch Breukers Musik war mehr als nur ein vordergründiger, banaler Ulk. Als virtuos aufspielender Saxofonist und Klarinettist, als engagierter Bandleader und raffiniert schreibender Komponist entsprang seine Musik vielmehr einer kreativen und authentischen Ernsthaftigkeit, die weitaus tiefer reicht, als es seine Konzerte vielleicht vermuten ließen.
Er mache Menschenmusik, hatte Breuker einst betont. Und so kam es, dass er mit seinem so eigenwilligen und persönlichen, Collagen-artigen Schreibstil das Werk eines Klassikers wie Joseph Haydn ebenso auf's Korn nahm wie etwa auch das von Kurt Weill, George Gershwin oder Duke Ellington. Breuker experimentierte gerne zum Beispiel mit seinem seit 1973 existierenden, zehnköpfigen Ensemble Kollektief mit der Formsprache des Jazz und persiflierte auch die Plattitüdenhaftigkeit der Avantgarde und des Free Jazz. Und er führte seine Musik nicht nur in den üblichen Spielstätten und Konzerthallen auf. Vielmehr ging er mit seinem Kollektief oft dorthin, wo eben normale Menschen waren, auf Marktplätze zum Beispiel, oder zu Straßenfesten und in Gaststätten. Zudem war Breuker als Instrumentalist an einigen frühen Meilensteinen des europäischen Free Jazz beteiligt – wie beispielsweise Gunther Hampels The 8th Of July 1969 oder Peter Brötzmanns Machine Gun. Und er war unter anderem auch mit seinen Brüdern im Geiste, Misha Mengelberg und Han Bennink, dafür verantwortlich, dass Jazz und improvisierte Musik in Holland von staatlicher Seite finanziell gefördert wurden. Ohne diese kulturpolitsche Pionierarbeit wäre zum Beispiel die Existenz des Amsterdamer Bimhuis ebenso wenig denkbar wie die des von Breuker mitgegründeten Labels BVHaast . Am 23. Juli ist Willem Breuker nach langer, schwerer Krankheit in Amsterdam gestorben. Er wurde 65 Jahre alt.
Zusammengestellt von Christian Broecking, Stefan Franzen und Martin Laurentius. |