Keith Jarrett

Bordeaux Concert

(ECM/Universal)

Keith Jarrett – Bordeaux Concert (Cover)Keith Jarretts Gesundheitszustand lässt leider die traurige Gewissheit zu: Neue Aufnahmen wird es nicht mehr von ihm geben, wir müssen uns mit dem trösten, was der nach zwei Schlaganfällen stark beeinträchtigte Pianist vor dieser Zäsur noch dokumentieren konnte. Sein jetzt erschienenes „Bordeaux Concert“ fand drei Tage nach seinem Soloauftritt in der ungarischen Kapitale („Budapest Concert“) statt – und zehn Tage vor dem Gastspiel in der Münchner Philharmonie („Munich 2016″), das stark unter dem Einfluss des 48 Stunden zuvor erfolgten terroristischen Anschlags in Nizza stand. Jarrett hielt sich damals ganz in der Nähe auf, als ein Lastwagen auf einer Promenade in die Menge raste. In Bordeaux hatte er sich als Leiter eines Trios bereits 1970 vorgestellt. Solo war er vor dem 6. Juli 2016 noch nie in der Hafenstadt zu hören. Das Publikum sollte an diesem Tag im Auditorium der Nationaloper einen Pianisten auf dem Höhepunkt seines Schaffens erleben, einen Mann, der mit einer 13-teiligen Suite seine Seele freilegte, der irgendwie typischen Jarrett bot. Der mal aufwühlend düster, mal zart und fragil spielte, der Begleitfiguren tänzeln ließ, der seine Musik zum feierlichen Schreiten brachte, der Formbewusstsein gegen manch offenes Ende stellte, der selbst das Pedal als Rhythmusvorgeber einsetzte, der alle Anwesenden durch das gesamte Spektrum der Gefühle mitnahm. Jarrett kreierte über 77 Minuten eine solch unverschämte Intimität, dass fast alle, die die Bordeaux-Aufnahme jetzt hören, durch den aufbrandenden Applaus aus ihrer Versunkenheit gerissen werden dürften.

Text
Ssirus W. Pakzad
, Jazz thing 146

Veröffentlicht am unter Reviews

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