ELBJAZZ 2018

Nein, „Solitude“ ist nicht das erste Konzeptalbum in unserer „Jazz thing Next Generation“-Edition. Doch ist es das erste, das sich direkt auf eine literarische Vorlage beruft. Rafael Baier, Saxofonist und Komponist aus Zürich, lässt sich vom außermusikalischen Konzept aber keineswegs in ein Korsett stecken. So flexibel, wie es schon der Name seiner Band Metamorphosis mit der Sängerin Ingrid Lukas verspricht, überführt er den Undine-Stoff in eine vielgestaltige, aktuelle Musik.

Rafael Baier & Metamorphosis featuring Ingrid Lukas - Solitude

Komponist für verschiedene Theater-und Musiktheater-Produktionen. Gefragter Saxofonist in unzähligen Bands – beispielsweise in der World-Jazz-Formation Narwal oder der Swiss Army Big Band unter der Leitung von Pepe Lienhard. Mit der Kontrabassistin Anna Traufer zusammen als Duo Dr. Sammelklang und Frau Großklang mit der Kinderproduktion „Neues von Dr. Sammelklang“ in mittlerweile 40 Schulen in der Schweiz zu hören gewesen. Zudem noch Dozent, Jazzpädagoge und Sounddesigner. Schaut man in den Terminkalender von Rafael Baier, dann lässt sich jedenfalls feststellen: Der Schweizer ist ein viel beschäftigter Mann. Und man fragt sich: Wie schafft es der 34-Jährige überhaupt, dann auch noch eigene Projekte auf den Weg zu bringen und erfolgreich zu leiten?

Die „Vollbeschäftigung“ hat für Baier etwas Gutes. Aus der Multimedia-Performance „Undine – Die nasse Grenze zwischen mir und mir“ mit Tänzern und Licht-Designern beispielsweise entwickelte er auch das Konzept für die CD seiner Band Metamorphosis, „Solitude“ (Double Moon/SunnyMoon).

„Eine Hand voll der Stücke dieser CD habe ich schon in dieser Performance eingesetzt, die in einem Wasserwerk uraufgeführt wurde“, verrät Baier im Gespräch. „Dafür habe ich damals noch viel mehr mit den eigentlichen Klängen des Wassers gemacht – sie zum Beispiel gesamplet, um sie dann bei der Aufführung abzurufen.“

Die Musik zur Performance hat nach der Premiere in Baier weitergearbeitet: „Ich hatte ständig das Gefühl, ich müsste sie noch einmal aufgreifen und neu bearbeiten. Um sie in richtige Songs zu verwandeln, die ich dann mit meiner Band spielen und aufnehmen kann.“

Gesagt, getan. Das Sujet dieser Performance hat Rafael Baier für seine nun als Folge 29 in der “ „Jazz thing Next Generation“-Reihe erschienene CD beibehalten: den Mythos Undine, die Geschichte der Seejungfrau, die aus dem Wasser steigt, weil sie sich in einen Mann verliebt hat – und die von diesem dann bitter enttäuscht wird. Doch Baier hat diese Geschichte nicht einfach nur musikalisch erzählt. Wie schon beim auf dem kleinen schweizerischen Label Altrisuoni erschienenen Album „Metamorphosis“ vor vier Jahren, das sich auf die Franz-Kafka-Novelle „Die Verwandlung“ bezieht und Baiers Band den Namen gab, verarbeitet er mit seinem Septett – diesmal mehrere – literarische Texte einiger namhafter Schriftsteller, die sich mit dem Undine-Stoff beschäftigt haben, zum Beispiel „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann.

„Innerhalb meiner vielen Aktivitäten ist Metamorphosis die Band, mit der ich hauptsächlich literarische Vorlagen vertone. Mit solchen Vorlagen arbeite ich sehr gerne, weil mich Literatur zum Komponieren inspiriert – manchmal braucht man halt auch einen Anstoß“, lacht Baier.

Ein Konzeptalbum also, aber ein besonderes. Schon der äußere Aufbau von „Solitude“ macht deutlich, dass Baier nicht wahllos Songs aufgereiht und nachträglich mit einer thematischen Klammer versehen hat. Vielmehr bilden ein „Intro“ und „Outro“ den äußeren Rahmen, die Songs selbst werden durch fünf „Interludes“ fest aneinandergekettet. Auch innermusikalisch achtet Baier auf Strukturierung von Zeit und Form. Ein Eindruck, der sich durch das bedächtige, untergründige Sequenzieren einzelner Phrasen und Fragmente innerhalb der Kompositionen noch verstärkt.

„Das Element der Wiederholung ist eines meiner wichtigsten kompositorischen Prinzipien“, erklärt Baier. „Das benutze ich sowohl in den Stücken als auch in den Interludes. Sicherlich, es gibt auch Brüche in meiner Musik. Aber das Langsame, das Unscheinbare, das, was zuvor nebensächlich war, um dann aber deutlich hervorzutreten und die Musik weiterzuführen, das ist es, was mich beim Komponieren und beim Spielen am meisten fasziniert.“

Der Schweizer verleugnet mit „Solitude“ weder seine Herkunft als Jazzmusiker noch sein Interesse an Pop und elektronischer Musik. Akustischen Modern Jazz, spannend improvisiert, gibt es ebenso zu entdecken wie süffig-poppige Melodien und technoide Groove-Prozesse. „Ich bin ja hier in Zürich mit Techno und elektronischer Musik großgeworden. Mit einer Musik, die sich langsam Schritt für Schritt entwickelt, bei der auf Grooves Wert gelegt wird.“

Eine Überraschung ist auch die junge Sängerin Ingrid Lukas aus Estland, die mit ihrem warmen, verhaltenen Timbre die Lieder in eine unwirkliche, sehnsuchtsvolle und beinahe „un“-irdische Atmosphäre taucht – wie im Song Nummer 2 von „Solitude“, „Your Eyes May Be A Street“.

Die Kernbesetzung von Metamorphosis bilden mit Baier der Pianist und Keyboarder Chris Gall (München) und der Schlagzeuger Jörg Mikula (Wien). Man kennt sich vom gemeinsamen Studium am renommierten Berklee College Of Music in Boston. Dort in den USA spielte und lernte man zusammen – und machte ähnliche Erfahrungen.

„Metamorphosis ist ein Kind aus dieser gemeinsamen Studienzeit. Und obwohl wir nun alle drei hier in Europa in verschiedenen Ländern leben, halten wir unsere Freundschaft aufrecht und führen sie musikalisch fort.“

Die Zeit am Berklee College war für die drei mehr als nur die Teilnahme an einem „Bebop Boot Camp“ in den USA

„Ich bin damals sensibler für das geworden, was hier in Europa passiert“, erzählt Rafael Baier. „Erst dort drüben in den USA habe ich mich mit meinem europäischen Background auseinandergesetzt – und begonnen, mich auf die Suche nach meiner eigenen Stimme und Identität zu machen.“

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