ELBJAZZ 2018

Singst du noch oder lebst du schon? Schon Ella die Große wusste um den ganz besonderen Reiz des Scoobydu-sedldedl-ba-shuga-dubab. 40 Jahre später hat Jacobien Vlasman Lautmalereien dieser Art längst zum Kult erhoben und gilt als beste Jazzsängerin Berlins. Nun will die aktuelle Heldin der Reihe „Jazz thing Next Generation“ weitere Ohren öffnen. Und schreckt dabei auch vor Worten nicht mehr zurück.

Jacobien Vlasman - Vitrine Vocale

Über das besondere Verhältnis zwischen Holländern und Deutschen ließen sich Bücher füllen. Eine herzliche Antipathie, die ihren Anfang mit dem Trauma des Zweiten Weltkriegs nahm. Dann folgte die Schmach der Fußball-WM 1974, bei der die Oranjes zwar das bessere Team waren, aber gegen Kaiser Franz und seinen Hofstaat doch den Kürzeren zogen. So mancher Mercedes mit deutschem Nummernschild bekommt bei Besuchen im Land der Tulpen und Grachten nach wie vor einen liebevollen Kratzer auf die Motorhaube, während das Vorurteil, Niederländer würden mit ihren Caravans fürs Leben gern fremde Autobahnen verstopfen, partout nicht totzukriegen ist.

Jacobien Vlasman hat keinen Caravan. Und sie glaubt, den wahren Grund für die Hassliebe ihrer Landsleute zu kennen: „Vor allem früher war da eine Menge Eifersucht mit im Spiel. Man guckte neidvoll zum Nachbarn rüber, der sich fast alles leisten konnte, während zu Hause jeder Gulden zwei Mal umgedreht werden musste. Auch wenn das längst nicht mehr zutrifft, so ist es doch tief verwurzelt.“

Eine kluge Analyse, die der Wahrheit vermutlich ziemlich nahekommt. Und die nur jemand treffen kann, der beide Seiten ziemlich genau kennt. Jacobien besitzt zwar einen niederländischen Pass und wurde in Amsterdam geboren, lebt aber seit ihrem vierten Lebensjahr mitten unter den „Moffen“ – und fühlt sich erstaunlicherweise pudelwohl dabei. „Ich möchte nirgends anders als in Berlin wohnen“, preist die Vokalistin in den höchsten Tönen die deutsche Hauptstadt. „Ich bin Holländerin. Eingedeutschte Holländerin.“ Wenn sie das sagt, klingt es keineswegs nach Rudi Carrell, sondern eher nach Prenzlauer Berg. „Und ich fühle mich auch als Teil der Berliner Szene.“ Ein Geheimtipp. Aber das könnte sich bald schlagartig ändern.

Jacobien Vlasman schmückt nämlich das Cover der 23. Folge der Reihe „Jazz thing Next Generation“. „Vitrine Vocale“ (Double Moon/SunnyMoon), der so elegante wie geheimnisvolle Titel ihrer offiziellen Debüt-CD (nach dem im Eigenverlag erschienenen „Infant Eyes“ von 2000), lässt bereits erahnen, was sich im Inneren von besagter Vitrine verbirgt: eine Stimme, die innerhalb von wenigen Sekunden verstören, verblüffen und verzaubern kann. Und die im Gegensatz zu den meisten anderen nicht nur mit Worten jongliert.

Natürlich lässt sich so etwas nicht planen. Es passiert halt. Und manchmal führt auch der Zufall geschickt Regie dabei. Jacobien Vlasman hätte schon nach dem Abitur gerne Jazzgesang studiert. Das Töchterlein folgte brav der Mama, ging fürs Jurastudium sogar ein Jahr ins niederbayerische Passau, sattelte dann auf Germanistik, Romanistik sowie Philosophie um und zog schließlich 1993 in die Spreemetropole. Dort nahm die Hobbyvokalistin erstmals Gesangsunterricht und besuchte Workshops mit Mark Murphy, Theo Bleckmann, Bobby McFerrin und Maria João. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Jacobien freilich noch nicht an eine gesangliche Zukunft und wollte lieber Literaturkritikerin werden. Ein Praktikum bei der BZ stoppte jedoch ihren medial-kulturellen Höhenflug. „Irgendwie wurde mir dabei auch bewusst, dass ich mich in der Musik viel besser ausdrücken kann. Worte allein reichen eben manchmal nicht aus.“

Womit die „Frühberufene, aber Spätentschiedene“ (Selbstbezichtigung) die Koordinaten für ihre Vokal-Karriere auf einen bündigen Nenner bringt. Seit 1997 verdient sie echtes Geld mit ihren Fähigkeiten, die so erfrischend anders sind, dass der „Tagesspiegel“ sie euphorisch als „beste Jazzsängerin der Stadt“ adelte. Selbst die Beinahe-Kollegen von der „Berliner Zeitung“ jubilierten, ihre Stimme könne „Baukräne aus den Angeln heben“. Vlasman, die den Studio-Förderpreis des Berliner Senats (1999) sowie den Jazz- und Blues-Award Berlin (2001) gewann, sei eine „Lautkünstlerin“, schrieb die „Welt“ anerkennend und hielt sie damit bewusst fern vom großen Topf der trällernden Schaufensterpuppen. „Das kommt davon, weil ich zu allem, was ich irgendwo hörte, mitgedudelt habe. Dieses Nonverbale ließ mir einen enormen Interpretations-Spielraum.“ Ihr Ziel: Teil der Band um Christian Weidner und Jan von Klewitz (Saxofon), Kai Brückner (Gitarre), Johannes Gunkel (Bass) sowie Rainer Winch (Drums) zu sein, eines von vielen Instrumenten ohne herausgehobene Position. Ihre Intention: Lieder ohne Worte. Silbenverschlingungen, die den Strom der Altstimme unterbrechen. Scatschnipsel, perkussives Konfetti und Geplapper, Hecheln und Seufzen, Jubilieren und Verdüsterung. Das Esperanto des zeitgenössischen Jazzgesangs.

Jacobien Vlasman operiert dort, wo Musik nur noch Musik ist und nicht mehr Metapher oder Mimikry. Dies gilt selbstredend auch für „Vitrine Vocale“, obwohl ihr hier so viele zusammenhängende Sätze über die Lippen gehen wie noch nie zuvor. „Ich empfinde es jetzt sogar als Vorteil, mich über Texte zu artikulieren. Etwa in ‚Who Are We To Judge‘, wo es um meinen Alzheimer-kranken Stiefvater geht, der in einem Pflegeheim lebt. Das zerreißt mir das Herz. Ich brauche da einfach Worte für meine Gefühle. In ‚Step Into Your Dream‘, diesem wunderschönen Kinderlied, würde es dagegen auch ohne gehen.“ Es scheint nur logisch, dass auch das „Girl From Ipanema“, Bill Withers „Aint No Sunshine“, „Under The Cherry Moon“ von Prince oder die „Chopinesque“ frei nach Frédéric Chopin nicht als geglättete Dutzendware daherkommen, sondern als kantig-spröde Songperlen der Marke „Vlasman“.

Der endgültige Durchbruch mit 39, vielleicht sogar in Holland. Der steinige Weg dauert eben etwas länger. „Natürlich bin ich schon auf jede Menge Granit gestoßen. Aber man muss die Zähne zusammenbeißen und immer an sich glauben.“ Und über die Menschen lächeln, die sie bei Konzerten fragen: „Singen Sie heute noch oder machen Sie nur Lala?“ Mittlerweile macht sie beides. „Ich würde mich nämlich sonst langweilen.“

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