Krin Grabbard, Better Git It in Your Soul. An Interpretive Biography of Charles MingusCharles MingusSein als Autobiografie gekennzeichnetes Buch „Beneath The Underdog“, das 1971 erschien und eigentlich 1.000 Seiten stark und wie eine Bibel mit Goldrand verziert und in Leder gebunden erscheinen sollte, ist die literarische Selbsttherapie eines Künstlers, dessen Hautfarbe nicht schwarz genug war, um ein richtiger „Nigger“ zu sein, und nicht weiß genug, um zur Elite gehören zu können. Der ursprünglich geplante Titel „Memoirs of a Half-Schitt-Colored Nigger“ hätte wahrscheinlich besser gepasst. Norman Mailer und Freunde scheiterten mehrere Male, für das Manuskript ihres Freundes Charles Mingus einen Verlag zu finden, allein die Editionsgeschichte des Buches bietet Stoff für einen Sozialkrimi über die amerikanischen Verhältnisse der 1960er-Jahre. Mingus lamentierte nicht, er kämpfte. Die Weißen könnten ihn mal, die Anerkennung innerhalb der schwarzen Community war sein Ziel. Er wollte schwärzer werden, nicht weiß. Es war die Zeit von Bob Dylans „Don´t look back“ und Eldridge Cleavers „Seele auf Eis“, Civil Rights, Black Panther und sexueller Revolution.

Mehr über den großen schwarzen Bassisten, Komponisten und Bandleader erfuhr man in dem Buch seiner Witwe Sue Graham Mingus, „Tonight At Noon. Eine Liebesgeschichte“. Eigentlich als Buch über das Sterben des ALS-kranken Künstlers konzipiert (Mingus starb 56-jährig am 5. Januar 1979), entpuppte es sich auch als intime Recherche über das Amerikabild des schwarzen Protagonisten, als Korrektiv und Pendant zu „Beneath The Underdog“. Auch hier sind Hass und Selbsthass ein zentrales Thema, und zwar nicht nur auf das schwarze Amerika bezogen. „Weißt du, die Weißen respektieren unsere Musik nicht“, lässt sie ihren Mann sagen, „weil sie wissen, woher sie kommt. Nicht von Schwarzen, sondern von dem, was Schwarzen angetan wurde, und von dem Schmerz, den sie erleiden mussten.“

In seiner Biografie nun bringt Krin Gabbard das Mingus-Bild auf einen neuen Stand. Er skizziert den Komponisten, Musiker, Produzenten und Labelbesitzer als hoffnungslosen Romantiker und versucht, dessen hemmungslosen Drang zur Selbstanalyse zu entschlüsseln. Gabbard interessiert, wie Mingus sich gegen die Erwartung, „black“ zu sein, wehrte und diesen Identitätskonflikt in kreative Energie transformierte. Auch interpretiert er, wie Mingus‘ gesundheitliche Probleme dessen Karriere beeinflussten. Grabbards „Better Git It in Your Soul. An Interpretive Biography of Charles Mingus“ erscheint in diesen Tagen bei University Of California Press. Das Buch hat 336 Seiten und kostet 34,53 Euro.

Weiterführende Links
University Of California Press

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Veröffentlicht am unter News
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