Toumani Diabaté – Kôrôlén

Franco Ambrosetti

Traum eines Schmetterlings

Gleich drei Pianisten kommen auf Franco Ambrosettis neuem Album „Lost Within You“ (Unit/Membran) zum Einsatz: Etwa die Hälfte der Songs teilen sich jeweils Uri Caine und Renee Rosnes, gleich am Anfang, bei Horace Silvers „Peace“, sitzt Jack DeJohnette, der auf dem Rest des Albums seinen Dienst am Schlagzeug verrichtet, am Klavier.

Franco Ambrosetti (Foto: Mariana Meraz)

Das illustre All-Star-Ensemble wird wie schon auf dem Vorgängeralbum „Long Waves“ von Bassist Scott Colley und Gitarrist John Scofield komplettiert. Ambrosetti ist auf dem ganzen Album am Flügelhorn zu hören, und das deutet schon aufs Programm hin: Auf „Lost Within You“ sind ausschließlich Balladen zu hören.

„Als junger Mann war es mein Ziel, schnell zu spielen“, erinnert sich der mittlerweile 78jährige Schweizer. „Ich liebte Clifford Brown und wollte nur möglichst viele Noten spielen. Ich bin mit Bebop aufgewachsen, er war in meiner DNA, deshalb hatte ich absolut keine Angst und kein Problem damit, schnelle Noten zu spielen. Erst Miles Davis hat mir gezeigt, wie man die Noten ausdehnen kann, als ob man wirklich singt oder weint. Und ich denke, ich kann meine Gefühle mittlerweile besser auf diese Weise ausdrücken.“

Neben Klassikern wie McCoy Tyners „You Taught My Heart To Sing“ mit einem beeindruckend leichtfüßigen Solo von John Scofield, Miles Davis‘ „Flamenco Sketches“ und dem durch Coleman Hawkins berühmt gewordenen „Body And Soul“ hat Ambrosetti auch zwei eigene Balladen auf seinem Album untergebracht. Das seiner Frau gewidmete „Silli In The Sky“ hat er einst für eine Theaterproduktion geschrieben, die Inspiration für „Dreams Of A Butterfly“ stammt aus einer Geschichte von Jorge Luis Borges. „Es geht um einen Mann, der geträumt hat, er wäre ein Schmetterling“, erzählt Franco Ambrosetti. „Als er aufgewacht ist, wusste er nicht mehr, ob er ein Mann ist, der geträumt hat, ein Schmetterling zu sein oder umgekehrt. Die Vorstellung hat mich begleitet, als ich am Klavier saß und mir diese Eröffnungszeile einfiel, die sich anhört wie ein fliegender Schmetterling.“

Text
Rolf Thomas
Foto
Mariana Meraz

Veröffentlicht am unter 136, Feature, Heft