Pit Huber

Der kleine Literaturskandal kürzlich gab mir echt zu denken. Helene Hegemann heißt die inzwischen 18-jährige Autorin, der leider etwas verspätet eingefallen ist, dass sie Teile ihres Buches ja nur abgeschrieben hat. Das Urheberrecht steht eben nicht mehr so hoch im Kurs bei den jungen Leuten. Alles, was wir machen, so verteidigte sie sich, sei doch nur „eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen“. Nichts an uns ist original, heißt das, wir sind bloß Produkte unseres Inputs. Hegemann: „Originalität gibt’s nicht, nur Echtheit.“
 
Auch im Jazz heißt es seit einiger Zeit, die Originale seien im Aussterben begriffen. Ist aber nicht so schlimm, Hauptsache, ihre Nachfolger sind echt und authentisch. So wie Hegemann. Sie müssen weder original noch originell sein, nicht talentiert oder besonders gut, sie müssen es nur aufrichtig meinen und überzeugend rüberbringen. Glaubwürdigkeit ist das Schlüsselwort: „Was glaubwürdig ist, wird immer eine Chance haben“, sagt Udo Dahmen, der Direktor der Popakademie Baden-Württemberg. Das Publikum, sagt er, honoriere Emotion und Leidenschaft, nicht Originalität und Können. Sein Kronzeuge: der letztjährige Song-Contest-Sieger aus Norwegen. Der hat seinen Song nämlich selbst fabriziert und auch noch eigenhändig dazu auf der Geige gefiedelt! „Das lebt aus dieser Bescheidenheit.“
 
Für Jamie Cullum ist das nichts Neues: „Die Leute machen immer mit, wenn du dich bescheiden, aber voller Leidenschaft auf die Musik stürzt.“ Das allerdings ist wirklich Bedingung: Es muss direkt und ungekünstelt aus dir selber kommen. Dein ganz eigenes Leben muss darin spürbar werden, deine bescheidene Wohnküche, dein tägliches Frühstück, das Rumoren des Kaffees in deinem Darm. „Nun ja, ich bin jetzt 32″, las ich kürzlich in einem Jazzmagazin, „alle meine Freunde sind in den letzten Jahren Eltern geworden und deshalb klingt meine Musik heute nach Schlafliedern.“ Oder: „Ich selbst bin nur ein einzelnes Wesen in seiner Mikrosphäre. Wie ist mein Verhältnis zu all diesen anderen Menschen? Diese Fragen treiben mich auf meinem neuen Album um.“
 
Ein Musiker ist eben auch nur ein Mensch. Was ihm widerfährt, wird zu Musik, jedes neue Erlebnis presst ihm wieder neue Töne raus. Andere schießen ständig Fotos mit ihrem Handy, der Musiker spielt einfach einen C7-Akkord aus dem Herzen. Darin kommt seine Leidenschaft voll rüber und man kann auch endslang drüber diskutieren: „So hast du das damals empfunden, echt jetzt? Wow!“ Oder: „‚Memories Of Boston‘ heißt das? Was war denn da in Boston? Ich dachte doch gleich, dass da was lief zwischen dir und der Blonden!“
 
Diese enorme Bescheidenheit, diese ehrliche Beschränkung aufs ureigene Ich, sie liegt natürlich auch ein wenig im Trend unserer Zeit. Die Agentur für Arbeit spricht von der Ich-AG, Popbands heißen Ich+Ich, sogar die Postbank weiß: „Unterm Strich zähl‘ ich“. Auch da kommen Authentizität und Leidenschaft rüber. Die Ich-Bescheidenheit hat sogar eine ganze Postbank-Rechtschreibreform ausgelöst: GlaubwürdICH. AufrichtICH. ZuverlässICH.
 
Früher war das übrigens anders: Man offenbarte da nicht sein Frühstück in der Musik, man gab sein Ich draußen an der Garderobe ab. „Ich habe nicht wissentlich meine Liebe oder Gefühle in Töne umgesetzt“, erinnert sich der Bassist Eberhard Weber zum Beispiel. Der gehört dann wohl zu den aussterbenden Originalen. Dem ging es wohl mehr so um die Musik.
 
Pit Huber

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