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Pit Huber

Wie neue Studien belegen, kennt jeder Mensch jeden anderen auf der Welt über sechs Ecken. Kein Wunder also, wenn man liest: „Der Bruder von Ivan Rebroff schoss den Vater des Kleinen Prinzen ab.“ Oder: „Der bekannte Jazztrompeter aus Berlin stand in Bremen neben seinem Wunschagenten aus Lyon am Pissoirbecken.“ Das Schlüsselwort auf der Jazzahead dieses Jahr war „Networking“. Eigentlich muss man das Thema gar nicht so weit nach vorne bringen, schließlich sind wir Jazzer doch schon immer Netzwerker gewesen. Jedenfalls die, die bis heute noch dabei sind. Genau betrachtet werkelt jeder seit Jahren mit sich selber Netz. Der eine ist Veranstalter, Musiker und Fotograf, erteilt sich selbst die Aufträge und schickt Rechnungen an die eigene Adresse. Die andere ist Grafikerin, Agentin und Promoterin, bestellt bei sich das Webdesign und verhandelt bei einer Tasse Latte Macchiato mit sich übers Honorar. Bei dieser Jazz-Vermesse in Bremen hat man’s ja wieder gesehen: Jeder kennt jeden, und das sogar mehrfach. Wo drei zusammenkommen, stehen gefühlte sieben. Vorsichtig bemessen.
 
Wenn Schornsteinfeger, Oldtimer-Fans und Hobbygärtner eine haben, braucht die Jazzbranche natürlich auch eine, sagt Messe-Geschäftsführer Schneider. Schnell mal hochrechnen: Dieses Land hat etwa 20.000 Schornsteinfeger, 300.000 Oldtimer-Fans und wahrscheinlich mehr Hobbygärtner als Deutsche. Wenn jeder Jazzahead-Besucher in mindestens drei Funktionen anwesend ist – siehe die Mehrfachnennungen in der Fachteilnehmerliste! –, kommen da schon auch ein paar Tausend zusammen. Auf die Warum-Frage des „Spiegel“ antwortet Schneider daher: „Warum nicht?“ Dem „Spiegel“-Redakteur ist es aber dann doch sehr recht, dass die Messe „klugerweise nicht nur Jazz“ anbietet. Dass man sie mit der Schornsteinfeger-Messe zusammenlegen soll, schlägt er noch nicht vor.
 
Es gab ja doch auch eine Menge zu erleben, die Schornsteinfeger würden staunen. Zum Beispiel über das Programm „Jazz für Kinder“. Die Kleinen kannten „Jazz“ bis dahin nur als coolen Autoroboter aus der Transformers-Sammlung des älteren Bruders, also staunten auch sie nicht schlecht. Erwachsene Menschen hatten sich wie Kasperlpuppen verkleidet und machten auf der Bühne mit komischem Getue und so Musikinstrumenten seltsame Zeichentrickfilm-Geräusche. Andere erwachsene Menschen im Publikum, die gerade noch völlig normal waren, flippten vor Begeisterung fast aus, bliesen in irgendwelche Tröten und klatschten wild hüpfend in die Hände. Die junge Generation saß irritiert da und fragte sich: Was haben die bloß alle? Und wann geht endlich Jazz für Kinder los?
 
Ständig unterwegs waren die Jungs von SwissGroove, dem von Bergen umstelltesten Jazz-Internetradio Europas. Die Gründer waren mal bei SwissAir gestartet und dann über SwissBank, SwissChoco und SwissClock eben zu SwissGroove gekommen. Der eine ist auch noch Hundetherapeut, der andere Gynäkologe: Solche Leute wissen viel mehr übers wahre Leben als unsereins. Netterweise verraten sie uns dann, dass Jazz wie Zucker sei: Ist überall drin, aber man sollte ihn besser nicht beim Namen nennen. „Sobald man dem Publikum sagt, dass jetzt Jazz kommt, erschrecken die meisten. Das Problem beim Jazz ist sein Image.“ Daher geht Schweizer Jazzradio so: „Hier kommt ein knackfrischer Soulkeks mit leckerer Groovefüllung.“
 
Wer erfand den Fusion Jazz? Herbie Mann, Tony Williams, Miles Davis? Ganz falsch! Der Erfinder heißt Florian Weber, ist Vorsitzender der Bayernpartei, trommelt bei Sportfreunde Stiller, moderiert Kinderfernsehen, spielt Jazzklavier und nennt seinen Fusion Jazz „FuJa“. Weil er ihn – trotz des vielseitigen Namens – vielleicht doch nicht so ganz allein erfunden hat, schreibt man „FuJa“ vorsichtshalber in Anführungszeichen. Florian Weber ist auch kein Professor, sondern „Professor“, seine Projekte sind „Projekte“, die Preise, die er erhielt, sind nur „Preise“. So steht es in dem Flyer, der durch die Jazzahead flatterte. Der Flyer verriet auch, dass ein Lagerraumvermieter im Rheinischen die Markenrechte am multiplen „Florian Weber“ besitzt. Das ist Networking 2.0.
 
Natürlich wurde auch wieder ein Skoda-Preis verliehen, denn Jazz ohne Skoda geht in Deutschland nicht mehr. Astrid Kieselbach von Universal Music hat es so schön gesagt: „Ein kreativer Raum in Bewegung – das haben Jazz und Skoda gemeinsam.“ Sie gehören zusammen wie Wetterbericht und Rauchverbot: Bei beiden geht es um Wolken. Jedenfalls ist Skoda wild entschlossen, weiterhin „die deutsche Jazz-Kultur“ zu fördern. „Deutsche Jazz-Kultur“ klingt schon irgendwie komisch, denn „Kultur“ kombiniert man ja gewöhnlich mit ihrem Gegenteil: „Bierkultur“, „Streitkultur“, „Fahrkultur“. Von der deutschen Kultur-Kultur habe ich noch nie gehört. Ist Jazz das neue Bier?
 
Und es wurde auch diskutiert in Bremen. Zum Beispiel über Jazz-Journalismus. Der berüchtigte Vieldichter Stuart Nicholson verriet, dass er alle seine Kritiken nur für einen schreibe, einen gewissen General Reader. Leider wurde dieser hohe Militär auf der Messe nicht gesichtet, weder in Uniform noch in Zivil. Laut Nicholson hasst der General alles Jazz-Einschlägige (Wörter wie „Chorus“, „Solo“, „Thema“), liest aber dennoch Jazzrezensionen. Damit er die dann versteht, sollte der Jazz-Journalist, meint Nicholson, so schreiben, wie Popsternchen reden: „Wenn dieser Song im Auto läuft, wippe ich immer auf meinem Sitz mit.“ Oder: „Sofort ausmachen, bei so was kriege ich Schluckauf!“
 
Ja, es war wirklich viel los in den Tagen. Nur gut, dass die Konzerte beim German Jazz Meeting so kurz gehalten wurden wie eine alte LP-Seite. Live ist das neue Vinyl. Oder war das schon der Transfer des One-Track-Download-Formats auf Bühnengröße? Am Abend, als alle erschöpft und müde, aber gut vernetzt beim Bier saßen, fragte uns eine junge Kellnerin: „Kommen Sie von der Messe?“ – „Hm-hm.“ – „Was ist das denn für eine Messe?“ – „Jazz.“ – „Jazz? Musik? Ach, das ist ja mal schön!“ Und, ich sag’s euch, da ging ein glückliches Lächeln über alle Gesichter. Jazz ahead, jazz along, jazz away!
 
Pit Huber

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