André Nendza

Am 1.November war es so weit. Ich bin endlich 40 geworden. Und es hat gar nicht weh getan. Vielmehr ist es sogar ein ziemlich gutes Gefühl, ein richtiger 68er zu sein. Anders als bei der Generation, die man bei uns gemeinhin als „die 68er“ bezeichnet, ist bei uns auch völlig klar, wer dazugehört. Und so gibt es bei uns kein Alt-, Pre-, Post- oder – sehr beliebt und weit verbreitet – Ex- 68ertum. Nein: Alle, die im Jahr des Prager Frühlings, der Schüsse auf Rudi Dutschke und Robert Kennedy, der Notstandsgesetze und der Wahl Nixons diese Welt mit lautem Gebrüll eroberten, gehören dazu. Egal, ob deren Eltern in den Tagen vor der Niederkunft „Miles In The Sky“, „Hey Jude“ oder doch eher, und wahrscheinlicher, Heintje mit „Heidschi Bumbeidschi“ hörten. (Letzterer setzte sich übrigens am Tage meiner Geburt auf Platz eins der deutschen Singlecharts fest. So viel dazu, dass früher alles besser war.) Und es ist wahrlich kein schlechter Jahrgang. Kylie Minogue, Smudo, „Bully“ Herbig, Michael Stich und Owen Wilson sind nur ein paar populäre Beispiele.

Dann natürlich die vortreffliche Dame meines Herzens.

Und Arve Henriksen, Sylvie Courvoisier, David Sánchez, Larry Goldings, Chris Cheek und auch unsere neue Blog-Kollegin Julia Hülsmann bereichern den Jahrgang 68 jazzenderweise ganz wesentlich. Na gut, Verona Pooth und Cherno Jobatey gehören auch dazu. Aber ein bisschen Schwund ist immer.

Bleibt die Frage nach dem Zusammenhang von Generation und Jahrgang. Natürlich haben „die“ 68er „uns“ 68er nachhaltig geprägt. In unserer Kindheit erlebten wir, wie eine Welle frischer, junger Lehrer, welche alles anders machen wollten, den Weg durch die Institutionen begann. Menschen mit Idealen, voller Ideen und mit Lust am Experimentieren. Es begann eine Operation am lebenden Objekt. In der Folge gab es an unserer Schule die Afrika-Woche. Und die Friedenswoche. Und die Erziehungswoche. Und den Nicaragua-Tag. Natürlich wurde wetterunabhängig im Bundeswehr-Parka – selbstverständlich mit frech halb abgerissenem Deutschland-Emblem – regelmäßig gegen oder für etwas demonstriert. Wir wollten in der Teestube nichts Geringeres als den Weg zum Weltfrieden finden und schlugen uns dabei, mit großer Freude, verbal die Köpfe ein. Ein bisschen Darwin durfte schon sein, denn es setzten sich meist die oral bestbestückten Wortakrobaten durch. Nach dem Motto: Wer zuerst stottert, fliegt.

Musikalisch war der Soundtrack zum Zeitgeist allerdings eher finster. Hier wurden wir nachhaltig – ich bin bis heute Fan – degenhardtisiert und mussten mit dem zum Glück lange vergessenen niederländischen Gesinnungs-Kampfgeschwader „bots“ sieben Tage lang einen trinken. Auch durften wir manchen Liederkarren ziehen. Und es wurde singenderweise und bewaffnet mit schwer geschundenen, Kapodaster-gemarterten Gitarren, die damals unvermeidlich „Klampfen“ hießen, behauptet: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat (oder war es umgekehrt), dann ziehen wir fraaahei…“

Und es kam Helmut Kohl, und er blieb16 Jahre.

Es begann, aus meiner Sicht, eine politisch ziemlich dunkle Zeit, aber – und das ist das erste Verdienst meiner Generation – zeitgleich verschwanden endlich die endlosen, verzerrten Gitarrensoli in der populären Musik. Und der Jazz wurde zwischen M-Base, Lounge Lizards und No Wave wieder kompakter und verspielter. Kein Wunder, dass Miles als Funkprophet auf die Szene zurückkehrte und sich in Prince verliebte. Entgegen der landläufigen Meinung bin ich übrigens der festen Überzeugung, dass die erste Hälfte der Achtziger musikalisch eine unglaublich lebendige, kreative und reichhaltige Periode war. Besonders dann, wenn man sich so manchen Synthie-Exzess aus der digitalen Frühzeit wegdenkt. Und die hochtoupierten Haare.

Auch sonst geriet manches in Bewegung. So stellten wir uns die Frage, ob sich nicht auch ohne Wollpulli und Jutetasche ein politisches und soziales Bewusstsein entwickeln lässt. Ob man nicht gleichzeitig Heinrich Böll lesen und zu „Kid Creole & The Coconuts“ tanzen kann. Oder ob ein Bigmäc nicht ab und an – schwache Menschenkinder, die wir sind – doch für Glücksgefühle sorgen kann, auch wenn Günter Wallraff von „Ganz unten“ zu Recht die grauenhaften Arbeitsbedingungen beim großen M anprangerte.

Jedenfalls war das, was man heute gerne als den Hedonismus der Achtziger bezeichnet, unser kleiner Batida-de-Coco-beschwipster Aufstand gegen manch bizarre Marotten der uns vorgesetzten BAT-Revolutionäre. Es ging dabei weniger um deren Inhalte als um die äußere Form. Denn zwischen „No Nukes“ und „No Future“ stellt man halt irgendwann fest, dass es doch ziemlich albern ist, auf dem Boden kriechend der nuklearen Welle einer detonierenden Atombombe nachspüren zu wollen. Und kommt zu der Erkenntnis, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht bedeutet. Es mag gesund sein, seinen eigenen Urin zu gurgeln, aber bitte!!!

Dennoch bin ich froh, dass ich durch dieses 68er-Trainingscamp gegangen bin. Das allgemeine Klagen über die Schuld von 68 an allen Übeln von Hartz IV bis Kenny G ist meine Sache nicht. Denn trotz des übermäßigen Gebrauchs von Räucherstäbchen und selbst gezüchteten Joghurtkulturen ging es im Kern um Werte. Um – ein wenig Pathos zum 40sten! – eine bessere Gesellschaft. Und um die Frage, wie sich der Einzelne in diese einbringt. Und diese Frage nach Individuum und Kollektiv ist für mich gerade Wesen und Kern von Jazz. Unabhängig von der stilistischen Verortung.

Fazit: Ein Leitmotiv der Erziehung von 68 war, dass Eltern ihre Kinder nicht schlagen sollen. Umgekehrt gilt das aber auch. Die allzu heftigen 68er-Basher sollten das bedenken. Seien wir also nachsichtig, wenn die alten Kämpfer beim Veteranentreffen beim Edelitaliener von Schahbesuch und Kommune 1 erzählen wie Opa von Stalingrad. Auch wir werden später behaupten, dass Boris Beckers Wimbledon-Sieg über Kevin Curren ein quasi religiöses Erweckungserlebnis einer ganzen Generation war. Und dass wir beim Fall der Mauer am Brandenburger Tor standen. Wo denn sonst?

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