Lili Lameng

Damenbands, junge, gut aussehende Musikerinnen für jeden Anlass. Damenband sucht Saxophonistin.

Meine Großtante Minna war das, was ich mir unter einer Dame vorstelle. Ihr weißes Haar war stets frisch onduliert und hatte einen bläulichen Schimmer. Sie trug Kostüme, Blusen und Perlenketten und traf sich mit ihren Freundinnen im Café. Sie bewegte sich selbstbewusst und wusste sich zu benehmen. Niemals hätte sie ihren Kaffeelöffel abgeleckt. Tante Minna ging bis kurz vor ihrem Tode in Konzerte, klassische natürlich.

Was ist eine Damenband? Tante Minnas Seelenverwandte musizieren gemeinsam? Frei nach Meyers Konversationslexikon habe ich mir unter „Band“ ein kleineres Ensemble aus dem Bereich Jazz oder der Unterhaltungsmusik – wo sind da die Grenzen? – vorzustellen, nun aber wohl ohne Männer, pardon, Herren?

Bei einer Damenkapelle denke ich natürlich gleich an Sweet Sue, Sugar und ihre fröhlichen Mitstreiterinnen. Sympathisch.

Traditionell waren Anfang des Jahrhunderts in Damenkapellen durchaus Männer dabei. Eine Damenkapelle bestand eben nur mehrheitlich aus Musikerinnen. Die Männer dienten manchmal auch dem Schutz der Musikerinnen, die in ihrem Beruf darum kämpften mussten, sich von Animierdamen abzugrenzen.

Neulich sollte ich bei einer Damenband aushelfen. So wie die Solosaxophonistin en vogue ist, scheint bei dieser musikalischen Erscheinung ein erhöhter Bedarf an meinesgleichen zu bestehen. „Ich schicke dir ein paar Filmaussschnitte und mp3s, dann siehst du, was wir machen.“ Duzen sich einander unbekannte Damen in einem ersten Gespräch?

Bei dieser Damenband bestand kein Bedarf an Abgrenzung zu anderen Berufen, zumindest nicht äußerlich. Hot Pants, Minis, Glitzer. Doch auch die Edelvariante in langer Abendrobe war Programm. Besetzung? Gesang, Gesang, Gesang, Saxophon und Halbplayback. Das wurde dem mitgeschickten Video nach zu urteilen von der Dame am Keyboard bedient, die an einer Stelle beim Solo ihres Instrumentes das Publikum klatschend zum Mittun aufforderte.

Die Saxophonistin auf dem Video lieferte das instrumentale Live-Element dieser Band. Ganz undamenhaft schien sie bei jedem ihrer Einsätze in Ekstase zu geraten. Auf einem der angehängten Fotos hält die Kollegin ihr Instrument gar wie Tabletänzerinnen die Stange. Tante Minna würde sich im Grab umdrehen.

Da ich gerade wieder einen finanziellen Engpass hatte, stimmte ich einem Treffen mit der Bandleaderin zu. In einem Café, wie typische Damen es tun.

„Gage ist mindestens 350 Euro. Du improvisierst einfach um den Gesang herum. Wir können vorher auch mal proben. Hauptsache, du machst eine gute Show.“ Anfragen gab es wohl genug. Der Lippenstift dieser Dame war mit dem Milchschaum am Tassenrand eine Verbindung eingegangen. Ich ließ mir von den Erfolgen der Band berichten. Auch die Kanzlerin habe sie schon gehört. Alle Achtung. Sie waren schon in Südamerika aufgetreten. Ein Handy mit einer Folge von Fotos der Damen am Strand wurde mir zur näheren Betrachtung präsentiert. Ich musste an Peggy Gilbert denken. Die hat 78 Jahre Saxophon gespielt und noch mit 69 eine neue Band, die Dixie Belles, gegründet. Und diese Belles waren vielleicht nach Tante Minnas Standard keine Damen, doch sie spielten alle richtige Instrumente und waren klar dem Beruf der Musikerin zuzuordnen.

Ich schämte mich, dass ich dem Treffen überhaupt zugestimmt hatte, täuschte terminliche Probleme vor und verabschiedete mich.

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