Lili Lameng

Seit es draußen wieder so warm ist, habe ich die Fenster immer schräg gestellt und bin so zwangläufig über die musikalische Entwicklung meiner Nachbarn informiert. Über mir werden die Standards des Klavierunterrichts auf einem E-Piano geübt, auch bei offenem Fenster. Gegenüber wird Gitarre unterrichtet. Und an der Hofeinfahrt schräg gegenüber wird das gerade Gelernte vermarktet, vorzugsweise am Sonntag. Derjenige, der dort sein Können feilbietet, weiß noch nichts über den Faktor Standort, sonst würde er sein Körbchen – wohl noch von Ostern übrig – und sich selbst nicht in einer stillen Nebenstraße positionieren. Andererseits hat er es nicht weit zur Arbeit. Er kann jetzt auf der C-Flöte DER KUCKUCK UND DER ESEL fast fehlerfrei. Außerdem noch O TANNENBAUM.

Neulich wurde ich angerufen und gefragt, ob ich die Saxophonistin Lili Lameng sei. Die nächste Frage von – ich nenne ihn mal Herrn Müller – galt meiner Größe. Ich bin 1,69 m groß. Das wollte ich nicht gleich verraten. Es handele sich um ein Casting für eine Band. Keine richtige Band, also keine, die Konzerte gibt oder im üblichen Rahmen auftritt. Es ginge um „Acts“ oder auch Marching.

Nun ist Marching an sich komplex. Die größte Marching-Band, Allen Escadrille, hat fast 600 Mitglieder und ist aus einer High-School-Band entstanden. So eine große Band folgt einer komplexen Choreographie. Vielleicht sollte Herr Müller da mal casten, da gibt es bestimmt Saxophonistinnen in verschiedenster Ausführung. Die Choreographie – so Herr Müller – sei nicht so wichtig. Hauptsache, man kann einigermaßen spielen, die Hüften schwingen und in einer Reihe stehen. Dann darf man auch mal vor höher gestellten Persönlichkeiten das Instrument schwenken.

Ob ich Miniröcke mag? Ja, nur nicht so gerne an mir. Schlechte Antwort. Ein Schweigen am Ende der Leitung. Was ich denn so pro Auftritt verdiene? Da war ich mal lieber ein bisschen länger still. Bei Herrn Müller gibt es 500 Euro pro Einsatz. Einsatz? Ja, seine Band gibt es in doppelter Ausführung. Er organisiert pro Monat 20 Auftritte. Ob das Laurence Clifton Jones auch geschafft hat, als er Ende der dreißiger Jahre die „International Sweethearts“ gründete?

Ich bin im Rechnen nicht so schnell, aber ungefähr zehnmal 500?! Da könnte ich bald mein Auto reparieren lassen und im Sommer verreisen oder im Winter.

Woraus besteht so ein Einsatz? Höchstens viermal 15 Minuten spielen. – Wenn ich daran denke, wie lange die Gigs in einer Tanzband dauern, für weniger Gage. Und auswendig müsse es sein. Klar, das kann ja schon der Kleine von schräg gegenüber. Seine beiden Lieder dauern ohne Improvisation zusammen knapp drei Minuten. Ich könnte sie auf acht Minuten verlängern. Also pro Set vier Titel, vielleicht fünf. Pro Einsatz müsste man höchstens 20 Titel beherrschen. Und damit reich werden? So schlimm sind Miniröcke eigentlich auch nicht. Der Bandname klingt allerdings so, wie ich es nicht gerne hier aufschreibe, der Vokal im abgekürzten Instrumentennamen klingt in dem Bandnamen wie ein E.

Wie das wohl mit solchen Bands ist, wenn der kleine Flötist so alt ist wie ich jetzt? Ob sich dann alles verändert hat? Jetzt sind Frauen mit Saxophonen begehrt, weil es nicht sehr viele von ihnen gibt. Ob später mal muskulöse Flötisten vor Politikerinnen spielen dürfen, in Shorts vielleicht? Möglich, zumindest in Oldenburg stellen Frauen die Hälfte der Studenten im Fach Saxophon. Die Welt verändert sich.

Wie groß ich denn nun sei, drängt Herr Müller. Schade, ich bin zu klein. Mindestgröße 1,74 m. Sonst kann ich nicht gleichzeitig als Saxophon spielendes Model fungieren. Mein Auto fährt an sich noch ganz gut, und Zeit habe ich auch, einen Balkon und Livemusik ganz umsonst.

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