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Selten zuvor hat ein Mitglied der „Jazz thing – Next Generation“ derart Gas gegeben. Was immer dieser redegewandte, pfiffige und hochtalentierte Österreicher am Altsaxofon anpackt, es scheint ihm auf Anhieb zu gelingen. Eine ungewöhnliche Karriere auf der Überholspur, allerdings fernab vom Verdacht blindwütiger Raserei. Lorenz Hargassners Devise lautet vielmehr: Auf einen Schritt folgt der nächste. Aber bitte mit aller Konsequenz.

Lorenz Hargassner Quartet - Diversityville

Na, herzlichen Glückwunsch! Zehnter Jahrestag des ersten Saxofontons! Eigentlich kann bloß ein fröhlich hupender Amateurmusiker so etwas hinausposaunen. Eigentlich. Lorenz Hargassner schickte am 2. Juli 1998 tatsächlich zum ersten Mal Luft durchs Mundstück. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr veröffentlicht er nun seine Debüt-CD mit dem Titel „Diversityville“ (Double Moon/SunnyMoon). Dass sie sogar in der Reihe „Jazz thing – Next Generation“ erscheint und dabei garantiert kein qualitativer Ausrutscher ist, verblüfft obendrein. Wer also ist dieser Lorenz Hargassner? Ein Quereinsteiger? Ein Überflieger? Ein Wunderkind?

Ein Österreicher! Aber einer, der seit Oktober in Hamburg lebt (wenn auch nach eigener Aussage noch weitgehend aus Umzugskartons) und von dort aus den Rest der deutschsprachigen Ahnungslosigkeit verblüffen will. Die Hansestadt fasziniert den noch 29-Jährigen (am 1. Juli 2008 wird er 30, also ein weiterer Grund zum Feiern) keinesfalls bloß wegen ihrer Szene, sondern auch, „weil hier alles so übersichtlich ist“. Dialektfärbungen hat Hargassner nahezu vollständig gegen ein relativ geschliffenes Hochdeutsch eingetauscht. Nur in längeren Gesprächen schlüpfen ihm manchmal noch ein paar dieser typischen gedehnten Wiener Doppelvokale wie „eei“ oder „aau“ durch die Lippen. Assimiliert haben die Piefkes das Talent aus der Nachbarrepublik deshalb noch längst nicht.

„Vor kurzem durfte ich mal bei einer Feierstunde im österreichischen Konsulat in Hannover spielen. Da ist mir richtig das Herz aufgegangen.“ Freilich: In der Heimat selbst ist Lorenz noch ein unbeschriebenes Blatt, weil er sich nun mal dazu entschloss, seine Karriere in Deutschland voranzutreiben. Eine dieser Entscheidungen, deren tieferer Sinn sich womöglich erst im Nachhinein erschließt.

Wie auch die fast schon naiv-dickköpfige Idee, im Alter von 16 Jahren autodidaktisch Klavier zu lernen. „Ich habe mir in einer Nacht das gesamte C-Dur-Präludium von Bach draufgeschafft, obwohl ich noch nicht einmal den Flohwalzer spielen konnte.“ Am meisten staunte darüber sein Vater, der in Wien Konzertpianist studiert hatte, um dann schließlich doch Richter zu werden. Auf der neuen Platte widmet ihm der Filius deshalb den Titel „Senior’s Dream“: „In gewisser Weise lebe ich ja jetzt seinen Traum.“

Sein eigener besaß ähnliche Konturen: den Jazz zu entdecken. Allerdings hatte Hargassner bis zur Matura, dem österreichischen Abitur, mit Jazz so wenig gemein wie seine Landsleute mit fußballerischen Erfolgserlebnissen. Trotzdem wälzte er Buch um Buch, kannte danach alle Namen und Stilrichtungen, Zeiten, Plattentitel und bekam eine Eins plus, ohne je einen Ton von Ellington oder Coltrane gehört zu haben. Auch das gehört zu seiner Chuzpe: einfach mal probieren. Irgendetwas wird schon passieren.

Der Musterschüler übte verbissen und allein auf seinem neuen Alto („Ein Tenor war mir zu unhandlich“), bis er einen Monat nach dem Ausschlüpfen des ersten Tons zum Musikworkshop in Schwaz (dem heutigen Outreach) unter der Leitung von Franz Hackl fuhr. Spätestens hier gingen ihm sämtliche Lichterketten auf. Er traf die Großen, lernte hören und bestand nach nur einem Jahr die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik in Hannover.

Wer sich jetzt noch darüber wundert, dass der kesse Bursche auch ein einjähriges Vollstipendium an der New School in New York gewann, beim Vorspielen an der Universität der Künste in Berlin als einziger von fünf Bewerbern genommen und 2001 von Keyboarder Adam Holzman in dessen Band Brave New World geholt wurde sowie dem Posaunisten Nils Wogram („Für mich eine Art Mentor“) über den Weg lief, der hat immer noch nicht verstanden, dass Hargassner schlicht die besten Tugenden Österreichs in sich vereint: Mut, Talent, Optimismus und vor allem das Glück des Tüchtigen. Wesenszüge, die in der muffigen, depressiven Welt des Jazz leider viel zu kurz kommen. Tu Felix Lorenz!

Noch in Hannover gründete Quereinsteiger-Überflieger-Wunderkind Hargassner Pure Desmond, eine Band im Geiste von Namenspatron und Alto-Vorbild Paul Desmond. Das sei die Formation gewesen, von der er dachte, dass sie am ehesten den Nerv des Publikums treffen könnte. Unterhaltung auf hohem Niveau. „Eine stylishe Edelmucke mit klasse Sound.“ Vier Labels bekamen die Aufnahmen, der Erfolg blieb aus. Dann besann sich der Saxofonist auf das Lo.Ha Quartet. Um die Jungs (Pianist Elmar Brass, Bassist Roland Fidezius und Drummer Paul Kaiser) nicht zu enttäuschen, schickte der Chef deren Scheibe mal eben an Jazz thing und bekam prompt eine Woche später den Jackpot-Anruf vom Herausgeber persönlich, dessen Spürnase offenbar wieder mal im richtigen Moment funktioniert hatte.

Natürlich ist Hargassner anders. Erfrischend anders. Stolz verweist er auf eine dicke Diskografie, ohne dass je eine der darauf aufgeführten CDs bei einem Label erschienen wäre. „Erschienen? Was bedeutet das? Ich habe mir halt im Copyshop ein kleines Cover mit Foto, Namen und so gemacht, meine Selbstgebrannten eingetütet, und dann habe ich die bei den Konzerten verkauft.“

Die Bandbreite reicht von besagtem Desmondschen Cool Jazz über Funkrock mit deutschen Texten, orchestrales Crossover, Adam Holzmans Fusion und freie Improvisationen mit dem sinnigen Namen „Tumultartige Ausbrüche“ bis hin zum intelligenten, modernen Vokabular von „Diversityville“. Eigene Musik. „Ein aufregendes Gefühl.“ Und dann ist da noch diese Arbeitseinstellung: „Auf einer Bühne bekommt man das Wertvollste, was die Leute haben – ihre Zeit. Man hat die Pflicht, sie nicht zu verschwenden.“ So etwas macht Hoffnung.

Passt zum selbst aufgestellten Zeitplan. Bis 35 wolle er den Durchbruch schaffen, „mein Zeug zusammenhaben“, wie der Österreicher es formuliert. Aber vielleicht klappt das ja alles schon früher. Dann wäre der zehnte Jahrestag der Entdeckung Lorenz Hargassners nicht nur ein privater Grund zum Feiern.

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