Jazz thing Next Generation Vol. 16

Nachdem der letzte „Jazz thing – Next Generation“-Act aus Österreich kam, begeben wir uns diesmal in die Schweiz. Obwohl – so ganz stimmt das nicht, denn der Tenorsaxofonist Jochen Baldes, geboren und aufgewachsen in der Schweiz, ist Deutscher.

Jochen Baldes Subnoder - The Moholo Songs

Ein geborener Deutscher, in der Schweiz aufgewachsen: Diese feinsinnige Unterscheidung scheint im Leben von Jochen Baldes tatsächlich eine Rolle gespielt zu haben, denn obwohl er nie in Deutschland gelebt hat, wurde ihm sein Status als Ausländer schon in früher Kindheit deutlich gemacht. „Zusammen mit einem Italiener waren wir zwei die einzigen Ausländer in meiner Klasse in der Primarschule“, erzählt er. „Wenn es zu einer Schlägerei kam, waren es immer die Schweizer gegen uns.“ Sein Leben als Musiker begann allerdings nicht aus diesem Grund erst relativ spät. Nach der Schule betätigt sich Jochen Baldes zunächst als bildender Künstler. „Ich habe zuerst gemalt und hatte Anschluss an eine Zürcher Künstlergruppe“, erzählt er. „Was mir dabei fehlte, ging mir gar nicht auf. Man ist halt immer allein im Atelier, von daher ist es eine ziemlich asoziale Beschäftigung. Eine Vernissage ändert die Verhältnisse auch nur kurz: Da steht man dann rum mit einem Glas Sekt in der Hand, und hinterher gehen alle nach Hause.“

Ein befreundeter Saxofonist löst dann die Initialzündung aus. „Bei ihm habe ich Musik als Gruppensport empfunden, und das hat mir sehr gefallen“, berichtet Jochen Baldes. Er stürzt sich daraufhin aufs Tenorsaxofon und übt, übt, übt. Spätestens mit dem Besuch der Jazzschule Bern bleibt für die Bildkunst keine Zeit mehr. „Ich kann mich noch erinnern, wo für mich der endgültige Übergang lag“, erinnert Baldes sich lachend. „Als ich einen Kunstpreis über so sechs-, siebentausend Franken bekommen habe, habe ich mir dafür ein Saxofon gekauft.“

Die Jazzschule Bern hat Jochen Baldes positiv überrascht: „Damals war ja Joe Haider der Chef dort. Für uns war er eine extrem gute Figur, so eine Art Papa, und es herrschte eine schöne Stimmung. Mit ungefähr 50 Schülern war es auch sehr familiär. In der Schweiz galt Bern allerdings als reaktionäre Bebop-Schule, es hieß immer: Wer fortschrittlich ist, geht nach Luzern. Aber ich wollte unbedingt nach Bern wegen Andy Scherrer.“

Die Musiker seiner Band Subnoder hat Jochen Baldes dann allerdings in der Musikszene von Zürich kennen gelernt. Mit Adrian und Elmer Frey an Klavier und Schlagzeug sowie dem Bassisten Christoph Sprenger spielte man zunächst als Quartett, für die Next-Generation-CD „The Moholo Songs“ (Double Moon/sunny moon) ist der Trompeter Michael Gassmann hinzugekommen. Mit ihm verschmilzt Jochen Baldes zu einer stimmungsvollen Einheit, sodass man die einzelnen Bläser manchmal gar nicht identifzieren kann. „Bei ‚Glide zum Beispiel fangen wir zusammen an“, kann sich auch Jochen Baldes für seinen Partner begeistern, „und der Einsatz klappte auf Anhieb. Da müssen wir uns gar nicht angucken.“

An anderen Stellen umgarnen sich die beiden aufreizend lässig und lassen sich von der gefälligen, dabei aber immer leicht sperrigen Subnoder-Musik davontragen. Die Philosophie des Wechsels von Spannung und Entspannung spielt in Baldes Musik, der alle Titel des Albums selbst geschrieben hat, eine wichtige Rolle. „Es geht mir um einen Sound“, macht er deutlich. „Es soll ein Schwung wie bei einem Film-Soundtrack entstehen. Soli sind wichtig und schön, wenn sie einem gelingen, aber es sollte nie darum gehen, so viele Töne wie möglich zu spielen – erst dann entstehen Bilder. Das Zusammenspiel ist einfach immens wichtig. Wenn es klappt, bringt es auch den Solisten weiter.“

Und in der Tat ist „The Moholo Songs“ kaum als Album eines Tenorsaxofonisten zu identifizieren, was in diesem Fall ein Kompliment ist. Baldes, der übrigens auch an der Bassklarinette zu hören ist, hält sich nicht unbedingt zurück, aber es ist ihm gelungen, einen Gruppensound zu kreieren. Der hat, was auch an Adrian Freys Fender Rhodes liegt, Miles Davis eine Menge zu verdanken. „1963 waren meine Eltern bei einem Miles-Davis-Konzert, als meine Mutter mit mir schwanger war“, grinst Jochen Baldes verschmitzt. „Und meine Eltern haben enorm viel Jazz gehört, weshalb ich mit dem Sound von Miles, aber auch Coltrane, aufgewachsen bin. Als Kind liebte ich Miles Davis, obwohl ich natürlich gar nicht verstanden habe, was er gemacht hat. Aber ich fand einfach den Sound, der aus den Boxen kam, toll. Und was er mal über ‚Filles De Kilimanjaro gesagt haben soll, es sei eine Lightshow für Blinde, das gefällt mir immer noch sehr gut.“

Und weil sich Jochen Baldes eine Menge denkt, hat er auch auf Band- und Albumnamen großen Wert gelegt. „Ich bin nämlich auch ein Literaturfreak und wollte mal Schriftsteller werden“, gesteht er. „Subnoder ist ein sinnfreies Wort, das mir einfach gefallen hat. Und Moholo ist auch ein schönes, erdiges Wort. Aber natürlich nimmt es auch Bezug auf Louis Moholo, den ich mal im Duo mit Irène Schweizer gesehen habe und der ziemlichen Eindruck auf mich gemacht hat.“ Damit sind längst nicht alle Geheimnisse von Jochen Baldes Subnoder gelöst. Den Rest muss man einfach hören.

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