ELBJAZZ 2018

Jazz thing Next Generation Vol. 3

Der Altsaxofonist Ignaz Dinné hat sich bereits mit Herbie Hancock, Wayne Shorter oder Ron Carter die Bühne geteilt. Dass der gebürtige Bremer in Deutschland trotzdem ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist, hat damit zu tun, dass er die vergangenen zehn Jahre in den USA lebte. Jetzt ist der 33-Jährige wieder nach Hause zurückgekehrt. Und sorgt mit „Back Home“, dem dritten Album in der von Double Moon und Jazz thing präsentierten CD-Reihe „Next Generation“, direkt für großes Aufhorchen.

Ignaz Dinné - Back Home

Was muss das für eine Kindheit gewesen sein! Ignaz Dinné hörte den ganzen Tag Jazz. Tags-über liefen die Blue-Note-Platten von Papa, abends gabs Live-Improvisationen in Mamas Club auf die Ohren, nachts, zum Einschlafen, dudelte Charlie Parker. „Klassik fand bei uns nie statt, was in Deutschland wohl eher untypisch ist“, sagt Ignaz Dinné. Aber was ist schon typisch, wenn man als Sohn eines Jazz-Musikers und einer Club-Betreiberin aufwächst? Wer jetzt denkt, dass Ignaz selbstverständlich in frühester Jugend selber zum Instrument griff, irrt gewaltig. Gut, mit zehn Jahren versuchte sich der Spross des Posaunisten und Pianisten Ed Kröger für kurze Zeit an Papas T-Bone. Trotz anfänglicher Sympathie wurde aber nix aus der Freundschaft zwischen Ignaz und der Posaune. Stattdessen sattelte der junge Bremer lieber aufs Fahrrad um. Und betrieb bis zum 18. Lebensjahr Leistungssport. Deutsche Meisterschaften, Trainingslager, Konditionsknüppeln, all das. Ein Jan Ullrich wäre er wohl nie geworden, meint Dinné, dazu habe ihm der Killerinstinkt gefehlt. Dafür stieg er allerdings in atemberaubend kurzer Zeit in die Champions League des deutschen Nachwuchs-Jazz auf.

Mit 17 entschied sich Ignaz Dinné, mit dem Altsaxofon anzufangen. Mit 19 spielte er bereits in der nationalen Kaderschmiede des Bundes-Jazz-Orchesters. Da hatte er noch Probleme beim Notenlesen; eine Sache, die im BuJazzO-Gremium um Peter Herbolzheimer normalerweise für ungnädiges Grummeln und schnelles Abschiedswinken sorgt. Was die Vorspiel-Jury jedoch vom Hocker riss: Ignaz konnte improvisieren wie der Teufel. Ein Naturtalent. Na ja, er habe schon als junger Radfahr-Bursche zum Spaß Charlie-Parker-Soli mitsingen können, erklärt Dinné, als wäre es das normalste Ding auf der Welt. Dass man den norddeutschen Überflieger hierzulande nicht in einem Atemzug mit anderen Ex-BuJazzOs wie Till Brönner oder Nils Wogram nennt, liegt daran, dass er in den vergangenen zehn Jahren immer nur kurz zu Besuch in seiner Heimat war. Für Plattenaufnahmen und Tourneen wirkte er da in der Band seines Vaters mit. Trat sporadisch mit seiner eigenen, aus amerikanischen Universitätskollegen bestehenden Gruppe auf, die sich beim Studium in Berklee formiert hatte. Oder ließ sich mal im Sextett des Pianisten Joe Haider blicken.

Ansonsten aber hatte Ignaz Dinné hauptsächlich in den Staaten zu tun. Als erster Saxofonist im 1994 frisch gegründeten „Thelonious Monk Institute of Jazz Performance“ am New England Conservatory in Boston genoss er geradezu paradiesische Ausbildungsmöglichkeiten. Nur sieben Stipendiaten wurden für den Studiengang zugelassen, der ein großes Gewicht auf Spielpraxis und den Austausch mit Großmeistern setzt. Dazu gehörte auch eine dreiwöchige Tournee durch Indien und Thailand, bei der Dinné allabendlich mit Herbie Hancock (und, ganz nebenbei, bei sieben Konzerten mit Wayne Shorter) auf der Bühne stand. „Das war schon irre. Hancock war super entspannt. Und hat immer 150 Prozent gegeben. Nix von wegen: Jetzt spiele ich hier so mit Studentennasen! Er hat so gut gespielt, wie er konnte.“ So etwas lässt einen die Scheu vor den so genannten Legenden verlieren. Und schärft den Sinn fürs Wesentliche.

Es geht um den eigenen Sound, um die Persönlichkeit. Und nicht um den technischen Fuhrpark oder gleichmacherische Stil-Begrifflichkeiten. Das hat Ignaz Dinné bei seinen Unterhaltungen und Gigs mit Leuten wie Ron Carter, Clark Terry oder Wynton Marsalis in den Staaten gelernt. Bester Beleg für die gewonnene Wissenstiefe des Saxofonisten ist seine Debüt-Aufnahme „Back Home“ (Double Moon/sunny moon). Schon der Titel deutet an: Dinné ist in seine Heimat zurückgekehrt. Nach fünf Jahren New York, die ebenso aufputschend wie anstrengend waren, wohnt der gebürtige Bremer nun seit Februar in Berlin-Kreuzberg.

Den neuen Lebensabschnitt beginnt er mit einer CD, in der die amerikanischen Erfahrungen noch mächtig nachhallen. Die gottesanbetende Hymnik John Coltranes findet sich hier genauso wie Monks melodische Kauzigkeit. Der Blues erhebt sich mit beiläufiger Nonchalance im Titeltrack „Back Home“, auf den respektvoll angeeigneten Balladen-Klassiker „Body And Soul“ folgt ein wohlstrukturiertes neutönerisches Klangfarben-Experiment. Das alles swingt. Und hat doch Bruchstellen. Der starke Eindruck, den der Erstling hinterlässt, verdankt sich wohl auch der Seelenverwandtschaft zwischen den Musikern. Mit Pianist Pete Rende und Bassist Matt Penman spielt Ignaz Dinné schon seit 1995 zusammen. Den Schlagzeuger Jochen Rückert lernte der Saxofonist erst vor kurzem in New York kennen. Er fügt sich nun perfekt in die instinktiv interagierende Gruppe ein.

Über allem schwebt jedoch der nüchtern hitzige Ton des Bandleaders – ein Unikat. „Ich hab erst versucht, wie Parker zu spielen, dann wie Cannonball“, bemerkt Ignaz Dinné, „aber das haben die selber schon gut genug gemacht. Jetzt möchte ich spielen wie ich. Gerade auch aus Respekt vor dieser Tradition. Ich will diese Werte aktualisieren durch meine eigene Person.“ Besser kann man das Geheimnis des Jazz wahrscheinlich nicht ausdrücken.

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