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Es funktioniert also doch: ein Jazzherz im klassischen Rhythmus schlagen zu lassen. Wer Christof May deshalb gleich einen Crossover-Apostel nennt, der wird seiner grenzenlosen Neugier nicht einmal im Ansatz gerecht. Der Klarinettist fühlt sich in beiden Lagern zu Hause und schätzt Mozart ebenso wie Miles. Kein unlösbarer Gewissenskonflikt, sondern eine reizvolle Perspektive. Zumal sich der aktuelle Protagonist der „Next Generation“ im Bedarfsfall stets vom Groove in die richtige Richtung treiben lässt. To whom it May concern!

Christof May - Maygus

Gegensätze, so heißt es bekanntlich, suchen sich. Beispiele gefällig? Ein Deutscher und Holland, Radolfzell am Bodensee und Den Haag an der Nordsee, eine badische Blaskapelle und schwarzer Funk, die Freiheit des Jazz und die Strenge der Klassik, europäischer Impressionismus und amerikanische Expressivität, Ratio und Emotion. Wer bei alledem noch einen kräftigen Schuss Reibungshitze vermutet, die sich unweigerlich in kreative Energie verwandeln kann, der muss eigentlich Christof May kennen. „Ja, schon…“, antwortet der 37-Jährige ohne mit der Wimper zu zucken auf die Frage, ob in ihm womöglich eine zweigeteilte Persönlichkeit schlummert. „Vielleicht sogar eine dreigeteilte!“ Bis er nach ein paar Sekunden des Nachdenkens wieder zurückrudert. „Nee, das geht ein bisschen zu weit. Das hört sich doch irgendwie komisch an. ‚Zwei Seiten einer Medaille‘ gefällt mir besser.“

Die zwei Seiten eines hoch begabten, alles andere als stromlinienförmigen Klarinettisten, mit dem die Reihe „Jazz thing – Next Generation“ ein kleines Jubiläum feiert: Christof May ist der 20. Protagonist dieser überaus erfolgreichen Plattform für den hiesigen Nachwuchs. Ein Forum für neue, unverbrauchte Kräfte, für den oft zitierten „jungen deutschen Jazz“: Schon damit beginnen die Probleme.

„Eigentlich bin ich ja nicht mehr der Allerjüngste. Und ich lebe in Holland.“ In der Tat: Die Liste der Projekte, an denen May bislang beteiligt war, weist ihn keineswegs als unerfahrenen Hasen aus. Zu „Compass“ und „April“, den beiden ECM-Alben der Schweizer Sängerin und Komponistin Susanne Abbuehl (einer früheren Kommilitonin am Königlichen Konservatorium in Den Haag), aber auch für 13 andere Veröffentlichungen steuerte er schon seinen dunklen, mäandernden Ton bei. Mit Trygve Seim, David Liebman, Wolfert Brederode, Kenny Werner, Bob Malach oder Terry Bozzio agierte der Reedsplayer Seite an Seite, unter der Stabführung von Mike Abene sowie Vince Mendoza lebte er als Mitglied im Metropole Orchestras seine Jazzaffinität aus.

Christof May besitzt freilich auch noch ein anderes Gesicht, mit dem er ebenso ernsthaft wie ambitioniert die Klassik fokussiert. In den Sinfonie-Orchestern von Duisburg, Krefeld und Aachen erwarb er sich nahezu parallel einen makellosen Ruf als Interpret vor allem zeitgenössischer Werke. Eine bilaterale Karriere, die auf festen Stützpfeilern ruht. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Jazzausbildung in Den Haag 1998 mit dem Master’s Degree ließ sich Christof nicht wie die meisten seiner Kollegen in die schwerelose Welt der improvisierten Musik und damit möglicherweise auch in handfeste Überlebenskämpfe fallen, sondern hängte gleich noch ein Klassikstudium dran. Ergebnis: der Bachelor-Abschluss in klassischer Klarinette 2002. „Das lag mir sehr am Herzen. Ich wollte das so. Seit meiner Kindheit. Damals hatte ich bereits klassischen Klarinettenunterricht, allerdings bei einem sehr strengen Lehrer. Da gab es auch hin und wieder Tränen.“

Gut möglich, dass gerade dieses Schlüsselerlebnis seinen Wunsch nach Freiheit auslöste. Freiheit von Taktstrichen und Kreuzen, schlicht von niedergeschriebenen Noten und präformierten Mustern. Aber irgendwie ließ sich die Liebe zur Klassik ja auch nicht so ohne weiteres beiseiteschieben. Ein innerer Konflikt zwischen Sehnsucht und Disziplin, zwischen Bird und Bach, zwischen Amerika und Europa begann. Allerdings mitnichten so unlösbar und zerstörerisch wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Ein möglicher Ausweg bahnte sich schon während der Pubertät in diversen Radolfzeller Übungskellern an, wo der vielseitig interessierte Bursche eifrig mit modalen Formen experimentierte. Rainer Brüninghaus, Eberhard Weber und Charlie Mariano und deren entswingtes kontinentales Klangverständnis begannen ihn ebenso zu interessieren wie die Adrenalin-Mixer James Brown oder Sly Stone. Und vor allem der Miles Davis der elektrischen Phase, der so etwas wie die Quadratur des Kreises schuf, indem er brodelnd heißen Funk mit der kühlen Architektur des Jazz verschmolz.

So wurde aus Christof May ein kopflastiger Gefühlsmensch. Einer, der beide Seiten akzeptieren gelernt hat und für seine Premieren-CD „Maygus“ (Double Moon/sunny moon) ganz bewusst Anleihen an Miles‘ epochales Opus „Dark Magus“ von 1974 nimmt. „Es war an der Zeit, dass ich mich selbst endlich einmal manifestiere“, kommentiert May die ungewöhnliche Standortbestimmung, die mit seinen Freunden Florian Zenker (Gitarre, Electronics), Bob Wijnen (Fender Rhodes, Hammond, Synth), Gulli Gudmundsson (Bass) und Eric Hoeke (Drums, Electronics) entstand und fünf dramatische Erhöhungen eines frei improvisierten Themas namens „Biosphere“ sowie zwei Versionen von „Nebula“ und „Mandelbrot“ enthält. Letzteres würdigt die legendären Apfelmännchen-Grafiken aus der embryonalen Phase der Computertechnik in den 1980er-Jahren. Ein gewisser Benoit B. Mandelbrot begann damals, mathematische Gleichungen zu Spiralen, Farben und Mustern mit einem gigantischen Zoom-Potenzial umzuwandeln. Eine Reminiszenz, die nun Christofs Plattencover ziert. „Mich fasziniert so etwas, weil es genau diesem schwarzen Groove von Miles entspricht. Du tauchst in die Struktur ein und verlierst dabei die gesamte Endlichkeit des Stückes.“

Frei nach Friedrich Schiller könnte sein Lebensmotto „Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt“ lauten. Fröhlich drauflos improvisieren und einfach gucken, was passiert. Gerade mit dem schwersten aller Blasinstrumente, auf dem seit Benny Goodman im Jazz eine Art Bannfluch zu liegen scheint. Christof May spürt das. „Wenn ich an Klarinette denke, dann fällt mir eher das A-Dur-Konzert von Mozart oder Haydn ein. Vielleicht noch Louis Sclavis, Michel Portal oder Don Byron. Diese Leute haben die Grenzen neu abgesteckt.“ Was er für sich selbst ebenfalls tut. Um seinen nur scheinbar gegensätzlichen Facetten ausreichend Raum zur Entfaltung zu geben. Und vor allem seinem unbändigen Spieltrieb.

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