Sun Ra ArkestraSun Ra ArkestraFrüher kamen die Leute, um Sun Ra (1914-1993) zu sehen: mit den Antennen auf dem Hut, den lustigen Kostümen, der Multimedia-Performance mit Light-Show, Film und Tanz. Heute sind davon die farbenfrohen Space-„Uniformen“ und die Musik geblieben. Der Arkestra-Leiter Marshall Allen meint immer noch ein Staunen zu bemerken, wenn das Arkestra auftritt. Als würden die Zuhörer so etwas zum ersten Mal in ihrem Leben hören. Zwischen geordnetem Improvisations-Chaos klingen Zitate aus der Swing-Ära an, Arrangements von Fletcher Henderson möchte Allen dann so getreu wie möglich gespielt wissen.

Nur ein eingeführter Kreis ist heute in der Lage, die Musik Sun Ras zu spielen. Und der wird aus Altersgründen immer kleiner. Allen hat zwar neue Musiker ausgebildet und ins Arkestra aufgenommen, doch es scheint, dass diese Musik sich vor allem aus dem Erinnerungsvermögen Allens speist: Wie Sun Ra es wollte, so soll es geschehen. Und auch wenn es unter seiner Leitung nicht mehr so autoritär zugehen soll, wird das spirituelle Erbe Ras stets hochgehalten. Eigentlich vergeht kein gesprochener Absatz, ohne dass zwei Namen fallen: Sun Ra und „The Creator“.

Musikalisch gesehen klang der eigenartige Mix aus Black-Cosmic-Swing, Elektronik, Bebop und Avantgarde bestimmt schon mal spannender als bei der aktuellen Arkestra-Ausgabe. Die Gesten des dirigierenden Leiters scheinen akkuratere und größere Klänge zu meinen als jene, die folgen. Allen spricht vom inneren Klang, er weiß, dass Töne heilen können. Die Last des Alltags, Probleme, die sich nicht lösen lassen, die kennt auch Allen gut. Karriere und Geld interessieren ihn nicht. „Ich habe nie etwas gehabt, das kann man mir also auch nicht nehmen“, sagt er.

Allen habe gespürt, wie die Musik das Leben zum Guten wenden kann. Darauf schwört er: Musik ist für ihn das definitive Heilmittel. Und wenn Allen heute von seiner Familie spricht, meint er die Männer, mit denen er in Sun Ras Haus zusammenwohnt. Am 25. Mai wird der Saxofonist Marshall Allen 95 Jahre alt. Während einer großen Europa-Tour tritt das Sun Ra Arkestra am 3. Mai in Wuppertal, am 4. Mai in Mannheim, am 5. Mai in Kassel, am 17. Mai in Mainz, am 2. Juni in Berlin und am 7. Juni in Moers auf.

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Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

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