Cesaria EvoraZum Tode von Cesaria Evora

Sie war Seele, Herz und Gesicht der Kapverden. Das vergessene Archipel im Atlantik trat durch ihre Lieder nicht nur aufs Parkett der Weltmusik, sondern auf die Landkarte der Welt überhaupt. Die Welt hat erst spät Notiz von Cesaria Evoragenommen. Geboren wurde sie in Mindelo auf der Insel São Vicente, mit 14 begann sie zu singen, machte Anfang der 1960er Aufnahmen beim Sender Radio Barlavento und trat in den Bars der quirligen Hafenstadt auf. Die frühen Einspielungen, die unlängst auf CD erschienen sind, lassen erkennen, warum „Cize“ in Mindelo so beliebt wurde: Schon damals vereinten sich in ihrer wendigen Stimme vogelleichte, neckische Unbeschwertheit und erdschweres Schmachten. Ein Timbre wie geschaffen für die kreolische Kneipenmusik mit  den langsamen Mornas und flinken Coladeiras. Dass sie sich weigerte, mit Schuhen auf die Bühne zu gehen, sprach sich auf São Vicente bald herum und trug genau wie der extensive Tabak- und Cognacgenuss zu ihrem Ruf bei. Der jedoch lange nicht über den Atlantik getragen wurde: Selbst in Lissabon mit seiner starken kapverdischen Gemeinde scheiterte eine Karriere.

Es dauerte bis zum Jahre 1988, als sie auf Einladung eines Landsmannes nach Paris kam und dort ihre Community begeisterte. Vom Geheimtipp arbeitete sie sich binnen weniger Jahre zu landesweiter Bekanntheit in Frankreich empor, die dort entstehenden Alben „Mar Azul“ und „Miss Perfumado“ begründeten ihren internationalen Ruhm. Auftritte von Japan bis Kanada folgten, Madonna, David Byrne, Branford Marsalis kamen neugierig zu einem Konzert in New York, Brasiliens Star Caetano Veloso sang mit ihr im Duett, Goran Bregovic fragte sie für die Filmmusik zu „Underground“ an. Von Album zu Album verfeinerte sich ihr Sound während der letzten zehn Jahre: Ihr Produzententeam schlug die Brücke nach Havanna, nach Rio, in den Senegal. Die Musik der Kapverden explodierte da schon längst im HipHop und R&B, doch das floss an der Evora vorbei. Sie blieb immer den gediegenen Mornas und Coladeiras verpflichtet, während ihre akustischen Hits wie „Sodade“ oder „Sangue De Beirona“ sogar von House-DJs remixt wurden. Zu Ende gegangen ist ihr außergewöhnliches Leben dort, wo es auch begonnen hat. „Grünes Kap vor meinen Augen, mein geliebtes Mindelo, in diesem Grün möchte ich sterben“, so lauten ein paar Verse, die auf ihrem letzten Album „Nha Sentimento“ zu finden sind. Am 17. Dezember ist sie im Alter von 70 Jahren in ihrer Heimat gestorben, kurz nachdem sich Cesaria Evora aus gesundheitlichen Gründen aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hatte.

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Creative Commons/Silvio Tanaka

Veröffentlicht am unter News
Trackback URL: https://www.jazzthing.de/news/2011-12-22-rip-cesaria-evora/trackback/