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Uwe Wiedenstried

»Blues? – Blues, das sind die traurigen Gesänge der amerikanischen Neger.«

Es muss natürlich »Afro-AmerikanerInnen« heißen, mit großem Zwischen-I, nicht »amerikanische Neger«. Aber so weit war Lehrer Lampe damals noch nicht. Damals, das war das Jahr zwei vor dem Jürgen-Sparwasser-Tor. Der Glaube unserer Lehrer an die Überlegenheit und Unbesiegbarkeit unserer freien Welt war noch ungetrübt, ihr Unterricht noch frontal, Fragen seitens eines Schülers sah der Lehrplan nicht vor. Lampe war so verdattert, dass er diese Antwort wie aus der Pistole geschossen gab, auf die erste und einzige Frage, die je in seinem Musikunterricht gestellt wurde: »Was ist eigentlich Blues?«

Blues, ich hatte dieses Wort auf dem Cover einer Platte von Alexis Korner gelesen, die der Hippie angeschleppt hatte. Der Hippie – mein Vater nannte ihn so – war der Freund meiner ältesten Schwester. Er machte eine Lehre zum ReNo-Gehilfen, hatte lange blonde Haare und trug Stiefel aus weinrotem Wildleder, die bis zum Knie reichten, dazu passend, ebenfalls weinrot, einen eng geschnittenen Mantel aus Samtkord mit riesigem Kragen und Aufschlägen an den Ärmelenden. Er war spindeldürr und fast zwei Meter groß, passte aber trotzdem irgendwie in seinen Fiat 500. Er hatte immer einen Stapel Platten dabei, wenn er uns besuchte: Iron Butterfly, die Stones und eben Korner. »Nimm deine Nutella-Griffel da weg«, raunzte er mich an, als ich beim Abendbrot nach der Korner-Scheibe langte. »Käpt’n Nuss«, korrigierte ich ihn.

Samstagnachmittags guckte ich Time Tunnel. Danach lief der Beat-Club mit Uschi Nerke. Die sah so ähnlich aus wie meine Schwester. Der Hippie fläzte sich aufs Sofa und markierte den Boss: »Enthalt‘ dich mal für ’ne Stunde jeglichen Kommentars, Kleiner.« Ich würdigte ihn keines Blickes, schwieg und baute darauf, dass meine Schwester diese Knalltüte ebenso schnell abservieren würde wie seine Vorgänger. Abwarten und Tritop trinken. Die Musik mochte ich auch nicht: Guru Guru, die Kinks, Don McLean und die Rattles mit Achim Reichel. Endlich machten der Hippie und meine Schwester ’nen Abgang. Sie verschwanden nach oben auf ihr Zimmer und drehten die Musik voll auf. »Geht das vielleicht ein bisschen leiser!«, brüllte mein Vater die Treppe hinauf. »Indianermusik!« – Keine Reaktion.

Meine zweitälteste Schwester hatte keinen Freund, sprach wenig und fürchtete sich davor, dick zu werden. Zum Frühstück mampfte sie einen Papp, den sie aus Dr. Kousas Weizenkleie anrührte. Nach der Schule schloss sie sich in ihrem Zimmer ein. Sie las den Kleinen Prinzen, zündete Räucherstäbchen an, um den Geruch der Zigaretten zu überdecken, die sie heimlich paffte, und hörte Norwegian Wood. Die Beatles hatten ihren bisherigen Favoriten abgelöst – Ricky Shayne: »Ich sprenge alle Ketten und sage: Nein, nein, nein, nein, nein!« Die Beatles mochte ich. Ich klopfte leise an, um mitzuhören. Ihre Tür öffnete sich einen Spaltbreit: »Verpiesel dich.«

Meine Mutter schwärmte für Alexandra, mehr noch aber für Monsieur 100.000 Volt, den hatte sie einmal live gehört, davon zehrte sie: »Und sie wärrdinn wiedärr fragginn: ‘at dein ‘ärrz nicht schnellärr geschlagginn? Und ich sag: Ja, ‘eut war äss schwärr.«

Mein Vater hörte Ernst Moschs Original Egerländer und Shanties. Sonntagmorgens um acht schaltete er das Radio ein zum großen Hafenkonzert des Norddeutschen Rundfunks: »Oh, my hoday!«

Licht aus! Spot an! – Was heute wie ein Treffen aller Zombies aus Roger Cormans Trashfilmen anmutet, war am Montagmorgen das Thema auf dem Pausenhof: Disco mit Ilja Richter lief einmal im Monat am Samstagabend. Auf Mud hatte man zu stehen, auf Slade und auf Sweet, die nach ihrem Wig Wam Bam ihre Gitarren ins Publikum schmissen. Der schmierige Alvin Stardust mit den buschigen Golfschlägerkoteletten trug einen schwarzen Lederanzug und hatte einen fetten Siegelring am Mittelfinger über dem Handschuh. – Durchgefallen! Ebenso wie der peinliche Gary Glitter oder die Schlagerfuzzies von Tony Marshall bis Bata Illic. Und dann kam Suzie. Oh, Suzie Quatro, du Traumfrau der ersten feuchten Nacht. – Can The Can, Honey.

»Durch die Wälder, durch die Auen zog ich leichten Sinns dahin.« Lampe spielte uns den »Freischütz« vor auf einem weißen Plattenspieler von Dual mit einem Deckel aus blassrosafarbenem Rauchglasimitat. Generationen von Schülern hatte er mit dieser Scheibe gequält, und wenn er nicht gestorben oder pensioniert ist…
»Achtet auf das zarte Pianissimo, den zu Herzen gehenden Zusammenklang der Hörner – Abenddämmerung im Walde.« Er drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag, damit auch die Schüler in der letzten Reihe aufwachten. Schepper. Knister. Kratz. Klopf. Hänger: »Dank Samiel! – Dank Samiel! – Dank Samiel!« Er eilte herbei, hob den Tonarm an und erklärte, bevor er die Nadel ein Stückchen weiter wieder aufsetzte: »Samiel ist der Satan, dem der böse Kaspar seinen Sieg als Schützenkönig über Max, den Jägerburschen, verdankt.«

Gelegentlich schrubbte Lampe selbst die Gitarre. Das Wort »spielen« wäre hier unzutreffend, weil es Assoziationen wecken könnte an Leichtigkeit, Mühelosigkeit, ja Musik. Er sang dazu mit dröhnendem Bariton. Der erste Shouter, den ich vor Jimmy Rushing und Big Joe Turner je gehört habe. Wir maulten dazu: »And I believe, I get a Schnief, I have a Gänsehaut round about.«

Zu Beginn jeder Stunde zückte er sein rotes Notizbuch. »Na, wer steht denn auf der Kippe?« Er winkte mich mit gekrümmtem Zeigefinger an die Tafel. »Wie Alvin Stardust«, dachte ich, »nur ohne Handschuh und Klunker.« Ich sollte ein G in die Notenlinien einzeichnen. Das konnte ich gerade noch. Doch Lampe war nicht zufrieden. Er peste an die Tafel – »Was ist denn das für ein Geschmiere?« – und wischte die Note aus. »Wie oft habe ich euch gesagt: Noten haben wie Walnüsse auszusehen. Die eine Hälfte der Nussschale oberhalb der Linie, die andere darunter. So – und so.« Er zeichnete fein säuberlich eine Nuss auf die G-Linie. »Na, wenigstens hast du den richtigen Ton getroffen, aufgrund welcher Eingebung auch immer«, sagte er. »Dank Samiel«, antwortete ich und kassierte einen Eintrag ins Klassenbuch.

Am Mittwochnachmittag mussten wir zu seiner Orff-Gruppe. Keiner von uns spielte ein Instrument, also machten wir aleatorische Musik. »Aleatorisch kommt aus dem Lateinischen, von alea, der Würfel.« Wir hauten auf Xylophone ein, auf Holzblocktrommeln, auf Tom-Toms, Bongos, Congas und auf die Tasten des Klaviers, schlugen die Triangel, die Tambourine und die Becken, mal einzeln im Solo, mal alle gemeinsam, mal lauter, mal leiser. Wir brüllten wie Gorillas, schnatterten wie Stockenten, säuselten wie das Gras im Wind oder machten Lalala. Nichts blieb hier dem Zufall überlassen, Musik, auch freie Musik, ist schließlich kein Würfelspiel. Lampe dirigierte unsere Improvisationen aus der Mitte des Raumes mit fuchtelnden Armen.

Ein sinnloses Getöse, so schien es mir damals, bis ich Jahrzehnte später, 1999, auf dem Jazzfestival in Münster Willem Breuker mit dem vierzig Mann starken Instabile Orchestra aus Italien hörte. Damit lässt sich sogar Geld verdienen, vorausgesetzt, man findet das passende Publikum. Ich blickte mich um im Konzertsaal und später im Foyer, bestellte noch ein Schwarzbier an der Theke und noch eines, denn ich hatte begriffen. Ich hatte begriffen, worauf ein Großteil des zeitgenössischen Jazz beruht. Darauf nämlich, dass er für die Lampes von heute gemacht wird. Das gesamte Lehrerkollegium Münsters schwirrte um mich herum: Herr Oberstudienrat schlürft seinen Rotwein und blinzelt aus kurzsichtigen Augen über die tief auf die Nasenspitze heruntergezogene Lesebrille hinweg, doziert über Klangstrukturen, spricht von Freiräumen der Kreativität, von der schreienden Intensität der Stille. Die Gattin, silbergrau das Haar und das Kostüm, leicht vorgebeugt, lauscht andächtig, nickt, nippt am Mineralwasser, presst mit der anderen Hand das Programmheft an die Brust, da ertönt der Gong, und der Spuk entschwindet zum nächsten Konzert in den Saal. – »Noch ein Schwarzbier, bitte.«

Da möchte ich nicht mitgehen. Es ist der gleiche Menschentyp, der mir die Musik auf Jahre vermiest hat. Dass Eltern, ältere Geschwister, Freunde einem kaum etwas von dem auf den Weg mitgeben konnten, was sie selbst nie empfangen hatten, ist verständlich und sei ihnen verziehen, zumal wenn man aus der so genannten bildungsfernen Schicht stammt. Der Schule aber und ihren Lampes wird kein Pardon gegeben, denn das ist und war ihr Job zu allen Zeiten: Anzuregen, und wo ein Funke ist, ihn zur Flamme zu entfachen, statt ihn zu ersticken, ja auszutreten.

In diesem Jahr habe ich 30-jähriges Klassentreffen. Außer mir hat keine/r meiner fast 30 KlassenkameradInnen je aktiv Musik gemacht. Ich habe Musik in der Oberstufe abgewählt und erst nach dem Abitur ein Instrument gelernt. Für klassische Musik, für Sinfonien, für Opern blieben unsere Ohren taub; Lampe verstand es nicht, sie zu öffnen. Wir haben weder hören noch singen noch spielen gelernt. Von Jazz und Blues keinen einzigen Ton, ja kein einziges Wort in all den Jahren.

Und dennoch kommt mir Lampe jedes Mal in den Sinn, wenn ich eine Platte von Billie Holiday auflege. Die hat zwar selten Stücke gesungen, die die Bluesform haben, aber jeden Song machte sie zum Blues. Holiday hörend weiß ich, dass Lampe einer der wenigen Lehrer war, die mir wirklich etwas beigebracht haben, unbewusst zwar und politisch inkorrekt formuliert, aber dennoch von tiefer Wahrheit: »Blues, das sind die traurigen Gesänge der amerikanischen Neger.«

Uwe Wiedenstried

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2 Kommentare zu „Time Tunnel Blues“

  1. Was wollt ihr eigentlich? Dieser Lampe hat Gitarre geschrubbt, den Freischütz erklärt und freie Improvisationen eingeübt. Mein Musiklehrer tat dasselbe, hatte außerdem noch eine Dixieband und legte ab und zu eine aktuelle Rockplatte auf, auf der er überall J.S. Bach entdeckte. So what? Ich höre heute noch Rock und Bach. Und ich hätte mir echt gewünscht, meinen Musiklehrer mal auf einem Free-Jazz-Konzert zu treffen. Dass ich mit Oper nichts anfange, war wirklich nicht seine Schuld.

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