Pit Huber

Eigentlich wissen wir schon alles über Jazz. Wir kennen sogar die Lieblingsfarbe, das Lieblingsessen und den Lieblingsmusiker unseres Lieblingsmusikers. Sollte es irgendetwas geben, das wir nicht wissen, schlagen wir nach in Jazzlexika: Namen, Stile, Fachbegriffe. Oder sichten auf einer CD-Rom das gesamte noch verbliebene Tonträgerangebot. Für ganz spezielle Fragen schließlich gibt es die Jazzforschung. Die hat alles herausgefunden über „Jazz und Mozart“, „Jazz und die Chaostheorie“ oder „Jazz und die unmaßstäbliche Realisierung von Glücks-Authentizität“. Auch alles über „Frauen im Jazz“, „Yoga mit Jazz“ und „Jazz als Soundtrack der Gadgetisierung des Alltags“.
 
Wir wissen alles? Nein: Ein Thema wurde bislang schmählich vernachlässigt. Es lautet: „Der Autounfall im Jazz“. Ich sage nur: Teschemacher! Meade Lux Lewis! Bob Berg! Jeder bessere Jazzfan weiß doch: Keine andere transporttechnische Komplikation hat die Jazzgeschichte stärker geprägt als der tödliche Car Crash. Ein Beispiel: Was bedeutete der Unfalltod von Clifford Brown und Richie Powell für die Karriere von Max Roach, für die Stilistik der Jazztrompete, für die Entwicklung des Hardbop und für die Reform der Geschwindigkeitsvorschriften im Staat Illinois? Das sind Fragen von unabsehbarer Relevanz. Ein anderes Beispiel: Hätte es ohne den frühzeitigen Tod von Bessie Smith je eine Billie Holiday gegeben? Und: Wären wir heute alle Free-Jazz-Fans, wenn nur Ornette seine Zusammenarbeit mit Scott LaFaro hätte fortsetzen können? Hinter solchen Fragen tun sich Abgründe auf, vor denen viele zurückschrecken.
 
Bis heute liegen noch nicht einmal Statistiken über den Zusammenhang von Automarke, Hautfarbe, Instrument und bevorzugter Blues-Tonart vor. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass Buddy Stewart und Dave Lambert, das legendäre Bop-Vokalduo, beide bei Autounfällen starben – mit 14 Jahren Abstand. Wurde diese unheimliche Parallelität jemals untersucht? Haben beide vielleicht zum Zeitpunkt des Unfalls denselben Song vor sich hin geträllert? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bop-Vocals und Verkehrssicherheit? Reagieren bestimmte Fahrzeugtypen empfindlich auf bestimmte Intervalle? Könnte man Jazzmusiker besser vor Unfällen schützen? Und die wichtigste Frage, die nur die Experten beantworten könnten: Läge eine solche Unfallprävention auch wirklich im Interesse der Jazz-Entwicklung?
 
Pit Huber

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4 Kommentare zu „Der Autounfall“

  1. Im Falle Eric Truffaz‘ zum Beispiel wäre es sicherlich sinnvoll, adequate Vorkehrungen zur Verhütung beeinträchtigender Unfälle zu vermeiden, erscheint mir sein Stil doch so wenig steigerungsfähig, dass ein plötzlicher Unfalltod kein Raum für glanzvolle Veränderungen schaffen würde. Oder doch, wer weiß? Ich fahr‘ heute abend mal ein wenig vorsichtiger als sonst.

  2. Lieber Pit,

    mir fällt zu dem Thema ein Zitat von Oscar Peterson ein: „Wenn Musik wie ein Verkehrsunfall klingen soll, dann sollte man auf die Straße gehen und ihn verursachen. Aber das Klavier sollte man in Ruhe lassen.“ Vielleicht sollte die Jazzforschung hier nachhaken und untersuchen, ob diese Unfälle nur der Versuch waren, die Musik mit anderen Mitteln fortzusetzen. Wurde Petersons Empfehlung zu wörtlich genommen? Das rückt dann freilich auch den Unfalltod des Peterson-Freundes und -Produzenten HGBS in ein anderes Licht.

  3. Oder hat HGBS den Berendt imitiert, den Jazzpapst? Der war ja schließlich mit MPS verbandelt (hat die Platten produziert, dann rezensiert, dann im Radio gespielt und schließlich seine Promo-Exemplare teuer nach Darmstadt verkauft). Berendt lief ja vier Jahre vor HGBS auch blödblind über die Straße. Immerhin hieß sein letztes Buch „Nur gehen“. Das hat er wohl zu wörtlich genommen. Oder er steckte mit den Ohren zu tief in seinen geliebten Urtönen. Ohren weg, Augen zu, nur gehen! Blöd, dass da auch noch ein Auto unterwegs war, als er die Straße überquerte. Wir lernten schon im Kindergarten: Augen auf im Straßenverkehr, Ohren auf bei Musik!

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