Zum zweiten Mal nach „Waking World“ aus dem Jahr 2022 hat Youn Sun Nah alle Albumstücke selbst geschrieben. Wenn man sich die elf Nummern auf „Lost Pieces“ zu Gemüte führt, muss man zu dem Schluss kommen: Der südkoreanischen Sängerin ist es in letzter Zeit nicht sonderlich gut ergangen. Die Gitarren wehklagen wie geschlagene Hunde und die Kickdrum klingt gerne mal wie das Klopfen aus dem Inneren eines Sarges. Nah singt über die gesammelten Grausamkeiten der Liebe und schöpft dabei voll aus dem Arsenal ihrer stimmlichen Ausdrucksmittel: Eine Diva mit Opern-Liebäugeleien („Where’d You Hide?“) steht neben zerbrechlicher Chansonette („A Map Of Pain“), aggressiver Vamp („Shell Of Me“) neben Indie-Pop-Unikum („I Run. I Stay.“). Ich weiß nicht, wohin ich gehöre, singt die Südkoreanerin in „My Home“. Ähnliches ließe sich auch über die zwischen Americana, Steve- Reich-Anklängen und verhaltenen Jazztupfern mäandernde Aufnahme sagen.
Text
Josef Engels
Ausgabe
, Jazz thing 162
Veröffentlicht am 19. Mrz 2026 um 07:58 Uhr unter Reviews