Und dann gehen die Lichter aus! Mit diesem bleischweren Satz beendete Reiner Michalke, künstlerischer Leiter vom moers festival, die Vorstellung seines diesjährigen Programms. Die Pressevertreter, die am 4. März ins Moerser Kulturzentrum Bollwerk kamen, wollten sich Anfangs an dieses Thema nicht heranwagen und fragten erst einmal technische Details ab. Doch dann kam die Diskussion in Gang – über die Zukunft des mit dem JazzFest Berlin wohl international bekanntesten deutschen Festival für improvisierte Musik. Denn die Stadt Moers ist tief in die Schulden gerutscht. Der Kämmerer hat eine Liste mit 72 Punkten zusammengestellt, um in den kommenden Jahren zu sparen – darunter auch bei der das moers festival verantwortenden Moers Kultur GmbH. Doch Michalke betonte, dass er den besten Job beim besten Festival habe, für das es sich lohnen würde zu kämpfen – mit der Moerser Politik. Aber die tut sich schwer, Stellung für das Festival zu beziehen. Die Partie Die Linke will Michalke sofort in die Wüste schicken, und die CDU möchte das moers festival wie in der Anfangszeit vor fast 40 Jahren wieder in den Schloss-Innenhof verlegen – obwohl dort gerade 250 Personen Platz finden würden.
Des Spardrucks ungeachtet hat Michalke für Pfingsten 2010 ein spannendes und überraschendes Programm zusammengestellt. Überraschend deshalb, weil auch dieses Jahr wieder der Fokus auf Jazz und improvisierter Musik liegt – vielleicht um die These zu stützen, dass europäische Improvisationsmusik nur dann innovativ ist, wenn es ein starkes amerikanisches Gegengewicht gibt. So kommt Steve Lehman mit seinem Oktett nach Moers, um seine leuchtende Improvisationsmusik endlich in Europa uraufzuführen. Dort am Schlagzeug sitzt Tyshawn Sorey, der mit der deutschen, nun in New York lebenden Saxofonistin Ingrid Laubrock und dem Pianisten Kris Davis zu hören ist. Einer, der sich wohl noch nie über den Konflikt Europa/USA Gedanken gemacht hat, ist Peter Brötzmann: Der Saxofonist kommt mit seinem mit elf (sic!) Musikern besetzten Chicago Tentet nach Moers. Super Seawead Sex Scandal ist wiederum einer der jüngsten Sprösslinge der frischen NYC-Szene. Schon für Michalkes erstes Festival 2006 war die Koop von Bill Frisell mit Arve Henriksen geplant. Doch erst 2010 kann dieses ungewöhnliche, transatlantische Duo realisiert werden.
Aber auch die Grenzbereiche aktueller Musik gibt's wieder im Programm – die Sängerin und Tänzerin Dobet Gnahoré von der Elfenbeinküste etwa, oder die rockig-R&B-lastige Toshi Reagon aus New York und die Bergen Big Band mit Orchester-Free-Rock unter der Leitung von Terje Rypdal. Zwei mit der Festival-Geschichte eng verbundende Musiker beschließen das diesjährige Programm: Nach 25 Jahren kehrt Arto Lindsay nach Moers zurück – mit seinem brasilianisch-US-amerikanischen Quintett. Und wie kein anderer Musiker hat Fred Frith in den vergangenen 20 Jahren das Festival geprägt – für die 2010er-Ausgabe kündigt sich der Gitarrist mit Cosa Brava an. Ob mit ihm dann tatsächlich die Lichter ausgehen, entscheidet sich am 12. Mai – die Deadline, bei der der Moerser Stadtrat über die Einsparungen abstimmen wird.
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moers festival
Zusammengestellt von Christian Broecking, Stefan Franzen und Martin Laurentius. |