Jazz thing Next Generation Vol. 13

Ein Künstlerleben gleicht einer Bühne. Was darauf gespielt wird, entscheidet der Betreffende ganz allein. Für Tobi Hofmann, den aktuellen Hoffnungsträger der „Next Generation“, ist es definitiv Jazz. Aber dem Trompeter und Multi-Instrumentalisten aus München genügt das nicht. Neben der Musik verdingt er sich als Schauspieler. Ein Mann mit zwei Gesichtern, der sich nicht entscheiden kann. Noch nicht.

Tobi Hofmann Quintett - Tanz Der Teilchen

Mal ehrlich, liebe Saxofonträger, Klavierberührer, Mikrofonhalter, Schlagzeugzappler, Gitarrenschwinger und Trompeten-in-die-Luft-Recker: In jedem Musiker steckt doch auch ein Schauspieler. Schließlich geht es auf der Bühne unter anderem darum, ein bewährtes Klischee zu verteidigen. Das der lasziven Femme Fatale oder des virilen Mr. Cool, des verträumten Softies oder des harten Hundes, des sympathischen Stars zum Anfassen oder der unnahbaren Legende. Manchmal müssen die Mimen wider Willen auch ihre eigene Verletzlichkeit überspielen. Charlie Parker, Miles Davis und Kurt Cobain hätten für ihre Rolle im Drama „Gefeierter Musiker – gebrochener Mensch“ zu Lebzeiten einen Oscar bekommen müssen. Soll mir keiner erzählen, er schlüpfe nicht in eine zweite Haut, wenn er seinem – zugegebenermaßen schwierigen – Beruf nachgeht.

Tobias Hofmann, den Familie und Freundeskreis schon immer und seine größer werdende Fanschar immer öfter Tobi nennen dürfen, ist einer der wenigen, die daraus keinen Hehl machen. Besser noch: Der Münchner bekennt sich mittlerweile ganz offen zu seiner Bi-Kulturalität. Er sei „Musiker (Trompete, Flügelhorn, Piano, Bass, Schlagzeug), Schauspieler, Regisseur und Komponist für Bühne und Film, unter anderem am Badischen Staatstheater Karlsruhe und am Staatsschauspiel Dresden“, steht auf der Homepage www.2kiloherz.de, die der 32-Jährige zusammen mit seinen Spezln Fabian Spörlein und Jan Ingenhaag betreibt.

Ja, was denn nun? Ein Musiker, der schauspielert? Oder ein Schauspieler, der musiziert? Gerade für Letzteres gäbe es genügend diffuse Beispiele: Westernhagen, Grönemeyer, Ochsenknecht, Riemann, Olli Dietrich… „Das genau zu beurteilen, fällt mir manchmal echt schwer“, rätselt Hofmann über sich selbst. „Ich mach halt ganz gerne verschiedene Sachen. Das ist Spaß und befruchtet sich gegenseitig. Nach einem Theaterprojekt habe ich meist wieder richtig Bock auf Musik. Und vor allem reinigt es den Kopf. Festlegen will ich mich noch nicht…“ Drei Sekunden Reflexionspause. „Wenn Sie mich so fragen, dann sage ich aber schon: In erster Linie bin ich Musiker.“ Doch selbst hier scheint es angebracht zu differenzieren – trotz seiner in der Reihe „Next Generation“ erschienenen CD „Tanz Der Teilchen“ (Double Moon/sunny moon). Denn bei einem wie Tobi Hofmann ist beileibe nicht alles Jazz, was klingt.

Im Augenblick tummelt er sich in Dresden, wo ihn ein Bekannter für die Inszenierung von Eugene ONeills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ braucht. „Ich bin da eigentlich als Musiker angeheuert worden, aber mein Freund weiß, dass ich auch ganz gerne mal über die Bühne gehe.“ Eine Leidenschaft, ein zweites Standbein für die künstlerische Seele, erwachsen aus der Furcht, sich allzu eindimensional zu entwickeln. Und der Beleg dafür, dass nicht nur in christlich geprägten Familien eine Überdosis Erziehung gar häufig zu heftigen Gegenreaktionen führen kann. Erzmusikalisch – so verlief die Kindheit und Jugend des Urbayern, der längst jedwede verräterische Dialektfärbung abgelegt hat, sozusagen marketingkompatibel für den Rest der Republik. Mitglied des Tölzer Knabenchors, dann klassische Klavierstunden, Schlagwerk-Unterricht – das hinterlässt Spuren. Klein Tobi sang und spielte in verschiedenen Chören und Jugendorchestern, gründete Bands sowie das A-cappella-Gesangsquintett 5 Pipes und begann ein Kompositionsstudium bei Rob Pronk am Konservatorium in Rotterdam. „Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das nicht alles gewesen sein kann. Kunst ist so vielschichtig.“

Also schrieb er sich 1998 an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin ein. Abschluss im Sommer 2002 mit Diplom. Seither durfte er unter so prominenten Regisseuren wie Peter Zadek oder Manfred Karge Erfahrungen auf den Brettern sammeln, die angeblich die Welt bedeuten, aber auch Henrik Ibsens „Peer Gynt“ oder den Fernsehfilm „Wildes Rio“ (NDR/ORF) vertonen. Wen nun der Eindruck beschleicht, das Multitalent könnte sich womöglich verzetteln, von allem ein bisschen, aber nichts richtig machen, der unterschätzt Hofmanns immense Arbeitswut. „Noch kriege ich das alles ganz gut auf die Reihe.“ Momentan steht jedoch eindeutig das Bemühen im Vordergrund, einen neuen Pflock in die Jazzlandschaft zu rammen – nach „Inside“, einem spektakulären Improvisationsabenteuer im stillgelegten Atomreaktor 2 des Forschungszentrums Karlsruhe, wo mit einer Nachhallzeit von 13 Sekunden atmosphärische Klangbilder entstanden, dem völlig konträr groovigen „Swip Swap“ (beide Rodenstein/sunny moon) sowie sieben weiteren CDs unter Tobi Hofmanns maßgeblicher Mitwirkung.

Ein absoluter Grenzfall für die strengen Auswahlkriterien der „Next Generation“, für die der Kandidat noch keine Aufnahme unter eigenem Namen veröffentlicht haben darf. Doch Double-Moon-Chef Volker Dueck überzeugten die eingereichten Bänder so sehr, dass er beide Augen zudrückte. „Ich kannte die Bedingungen gar nicht, als ich mich darum beworben habe“, gibt der mimische Musikus lachend den Ahnungslosen. „Es ist halt meine erste Aufnahme, wo nur Hofmann draufsteht.“

Frechheit siegt. Und Qualität sowieso. Wenn Tobi seine Teilchen tanzen lässt, so geschieht dies mitnichten in einem Überschwang der Gefühle. Das Debüt, das in Wahrheit gar keines mehr ist, kommt mit sieben Eigenkompositionen, zwei Standards (Freddie Hubbards „Little Sunflower“ und Sidney Bechets „Petite Fleur“) sowie der bündigen und doch stets erdigen Unterstützung seines Quintetts um Ulrich Wangenheim (unter anderem Tenorsaxofon, Bassklarinette), Christian Elsässer (Piano, Fender Rhodes), Andreas Kurz (Bass) und Bastian Jütte (Drums) eher ruhig, fast innerlich daher. „Eine Art Positionsbestimmung, die in einer Zeit des persönlichen Umbruchs entstand“, reflektiert Hofmann, der neben seinen Hauptinstrumenten Trompete und Flügelhorn diesmal auch die Melodica zum Mund führte. Vielleicht ist der ‚Tanz Der Teilchen einfach eine lustige Umschreibung des Lebens mit all seinen Überraschungen, Höhen und Tiefen. Das Bild des Tanzes hat mir irgendwie gefallen.“ Wie auf der großen Speisekarte der Kultur in zunehmendem Maße das Dessert Jazz. Der sei zwar nichts Heiliges, findet Tobi Hofmann, aber für ihn mittlerweile etwas sehr Wertvolles. Etwas, das einem das Gefühl gibt, nahezu ohne Fesseln agieren zu können.

Jetzt kommt der musizierende Mime doch etwas ins Grübeln. „Eigentlich gewinne ich zum Schauspielern immer mehr Abstand. Ich erfinde gerne etwas und gebrauche meine Fantasie. Doch wie soll das gehen, wenn einem der Regisseur jeden Schritt, jede Geste vorschreibt? Man ist gefangen im Fenster seiner Rolle.“ Improvisieren geht eben nur im Jazz. Was ein bisschen Theater ja keineswegs ausschließt.

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