25 erfolgreiche CDs haben mit Hilfe der „Jazz thing Next Generation“-Reihe bislang das Licht der Welt erblickt. Trompeter, Saxofonisten, Posaunisten, Organisten, Sängerinnen, Mainstream, Fusion, World – die nahezu komplette Palette des zeitgenössischen Jazz. Wenn es da nicht ausgerechnet in der Königsdisziplin, dem Pianotrio, ein auffälliges Defizit gäbe. Nun schickt sich mit Sebastian Gahler ein außergewöhnlicher Tastenvirtuose an, die maue Bilanz kräftig aufzupolieren. Und er ist alles andere als ein Zählkandidat!

Sebastian Gahler Trio - Meditation

Wer sich heutzutage dazu entschließt, mit einem Pianotrio sein Glück zu versuchen, der muss entweder sehr naiv sein oder ziemlich gut. Erschreckend oft halten sich gerade die Naiven für gut und die wenigen Guten für ziemlich naiv. Denn vor allem Letztere wissen genau, dass der Markt aus allen Nähten platzt und es schon eines Geniestreichs oder einer gehörigen Portion Glück bedarf, um als einzelnes Sandkorn am riesigen Strand überhaupt wahrgenommen zu werden.

Auch die Bilanz von „Jazz thing Next Generation“ bestätigt diesen Trend: Bislang ganze zwei Pianotrios, nämlich das von Benjamin Schaefer (Nummer 4) und das HDV Trio (Nummer 15). Nicht dass keine klingenden Bewerbungen dieser Art ins Haus flattern würden – im Gegenteil. Aber Beliebigkeit müffelt, vor allem in der berüchtigten Scouting-Spürnase unseres Verlegers. Wenn mit dem 30-jährigen Düsseldorfer Pianisten Sebastian Gahler sowie seinen Partnern Nicolas Brandenburg (Bass) und René Marx (Drums) und ihrer CD „Meditation“ (Double Moon/SunnyMoon) nun erst das dritte Pianotrio in der Geschichte der „Next Generation“ an den Karrierestart geht, so kann das nur eines bedeuten: Die drei sind gut. Richtig gut sogar.

Natürlich könnten sie es sich leichter machen. Ein paar eloquente Bläser hinzunehmen. In geometrisch waghalsigen Arrangements zum millionsten Mal die Quadratur des Kreises probieren. Als Boygroup für Akademiker mit Pop oder Heavy Metal reüssieren. Halt einfach bunte Elefanten fliegen lassen. Würde sicher für kurzzeitiges Aufsehen sorgen. Aber Gahler, Brandenburg und Marx setzen auf die klassische Triokarte. Weil sie schlicht davon überzeugt sind. „Gerade jetzt beim Booking für 2009 habe ich wieder gemerkt, wie schwierig das alles ist“, stellt der Namensgeber der kongenialen Arbeitsgemeinschaft ohne einen Anflug von Larmoyanz fest. „Aber wir haben nun mal in dieser Konstellation den meisten Spaß. Außerdem handelt es sich nach wie vor um die Königsdisziplin des Jazz..“

Sebastian Gahler und seine „Working Band“ (Originalton) trainieren leistungsorientiert schon seit 2003.

„Wir befinden uns auf einer Reise, auf der wir uns ständig weiterentwickeln und verändern. Vieles ist selbstverständlich geworden, unser Bandsound klingt wesentlich freier. Dennoch setze ich mich nicht unter Druck, um krampfhaft etwas Neues zu erfinden. Das mag auch eine Frage des Typs sein. Ich konzentriere mich viel lieber darauf, ob etwas hängen bleibt.“

Gahler arbeitet viel an seiner Anschlagskultur, bewundert Herbie Hancock („obwohl der eigentlich weniger durch Trios in Erscheinung trat“) und Keith Jarrett („vor allem als Improvisator“) und setzt auf eingängige Kompositionen mit Tiefgang. Weshalb er für „Meditation“ bis auf „Plastic Bag Theme“ aus dem Film „American Beauty“ ausschließlich eigene Werke verwendete. „Ich bin immer wieder Bands mit super Musikern begegnet, bei denen irgendwas nicht passte. Bei genauem Hinsehen waren es deren Stücke.“ Sein erklärtes Ziel lautet deshalb: Keine verkopften Notenkonstrukte, sondern schlichte, atmende Melodien, die Kontraste erzeugen und unterschiedliche Stimmungen evozieren. Simplizität als die schwierigste aller Aufgaben im Jazz. Sebastian Gahler nennt es „nur Musik machen“. Darüber sollten wir nachdenken.

Ein arrivierter Pianist wie John Taylor hat dies getan und sein Urteil über den jungen Kollegen gefällt: Es sei beeindruckend, wie Sebastian auf seinem Debüt-Silberling auftrete, schreibt der Engländer in den Linernotes. Schon in seinem letzten Jahr an der Hochschule für Musik in Köln, als Taylor den jungen Deutschen unterrichtete (wie zuvor Hans Lüdemann und Hubert Nuss), sei er ihm durch seinen Ideenreichtum und Enthusiasmus aufgefallen.

Die Begeisterung für das Ding namens Jazz wurde Gahler während eines Highschool-Aufenthalts in Wadena/Minnesota eingepflanzt, wo er bei verschiedenen Lehrern Klavierunterricht bekam und erste Big-Band-Erfahrungen sammelte. Zurück in der Heimat, lernte der frisch Infizierte zunächst beim Pianisten Buddy Casino (Helge Schneider) sowie bei Robert-Jan Vermeulen an der Hochschule der Künste in Arnheim. Über den Umweg eines einjährigen Studiums der Ton- und Bildtechnik ging es dann nach Köln. Der Abschluss „diplomierter Jazzpianist“ klingt kompetent, belegt aber auch die zunehmende Akademisierung der Branche und den steigenden Konkurrenzdruck.

Trotz eines 5.000-Dollar-Stipendiums, das er während eines Workshops der Berklee School of Music in Deutschland für das renommierte Bostoner Hauptquartier erhielt, weiß Sebastian Gahler längst, dass die Äpfel nicht automatisch von den Bäumen fallen. Im Augenblick wirkt der Elfenbein- und Überlebenskünstler in „Major Dux“ mit, einer Kindertheaterproduktion des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf (mit Musik von Sandra Weckert – Anm. d. Red.). Außerdem leitet er seit Jahren mehrere Konzertreihen in der Rhein-Metropole und betreibt dabei – obwohl selbst noch eine Art Geheimtipp – aktive Talentförderung, indem er regelmäßig junge Musiker aus der Kölner und Essener Jazzszene einlädt. Gahler versteht sein Engagement als kulturelle Verpflichtung: „Es ist wichtig, dass man die Jazzmusik in der Stadt am Leben hält und als Livemusiker präsent ist.“ Ergo: Erfahrungen sammeln. Spielen. Vor allem komponieren. Den 88 schwarzen und weißen Tasten verfallen und sprudeln wie ein Kreativquell.

Auch die älteren Stücke werden ständig auf den Prüfstand gestellt und dem rasenden Entwicklungsprozess des Trios unterworfen. „Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen“, legt Sebastian einfach mal die Latte hoch, und irgendwann teilt man seinen Optimismus sogar. „Man weiß ja nie genau, wo die Reise hingeht. Ich lass mich jetzt mal überraschen.“

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