ELBJAZZ 2019

Die Zahl der Mentoren lässt nicht unbedingt Rückschlüsse darauf zu, ob sich die investierte Mühe später tatsächlich lohnt. Im Fall von Max Frankl sind es jedoch vor allem die Namen seiner Unterstützer, die das Interesse an dem Gitarristen wecken. Denn weder Wolfgang Muthspiel noch Johannes Enders oder Peter Herbolzheimer sind dafür bekannt, dass sie sich oft irren. Schon gar nicht, wenn Deutschlands legendärstes Musiknest mit im Spiel ist.

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Verflixt noch mal, schon wieder Weilheim! Wie oft dieser seltsame Ort im oberbayerischen Voralpenland, den man ohne Gefahr für Leib und Leben auch als Kaff bezeichnen kann, schon Erwähnung in diesem Magazin fand, lässt sich sowieso nicht mehr genau ermitteln. Die Ansammlung von hippen Projekten und interessanten Musikern wird langsam unheimlich: Micha und Markus Acher, die hinter dem Tied+Tickled Trio, The Notwist, 13 & God und einer Reihe anderer angesagter Bands stehen, Lali Puna, die in Wirklichkeit Valerie Trebeljahr heißt, Ms. John Soda alias Stephanie Böhm (die auch noch bei Couch mitmischt), Console, hinter der Martin Gretschmann steht, und natürlich der in jeder Hinsicht alles überragende Johannes Enders, dessen Enders Room seit Jahren für Furore sorgt. Nur Max Frankl nennt sich nach wie vor Max Frankl. Und das aus gutem Grund.

Vielleicht wäre ja gerade ein bodenständiger „Normalo“ wie er in der Lage, eine Rechtfertigung für den seltsam ambivalenten Ruf seiner pulsierenden Heimatstadt zu geben? „Darüber machen sich die Weilheimer selbst die meisten Gedanken“, raubt einem der Gitarrist gleich zu Beginn alle Hoffnung. Wie bei den anderen, die für das Phänomen Verantwortung tragen, gibt es von ihm anstelle einer fundierten Analyse nur ein ratloses Lächeln. Und allenfalls zaghafte Erklärungsversuche: „Kann sein, dass eine bestimmte Gruppe von Leuten genau zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort war. Dadurch wurde eine gewisse Energie freigesetzt, die sich dann fortpflanzen konnte.“ Das haben Enders und Co. auch schon behauptet.

Ein Blick in die Biografie jenes Mannes, der ausnahmsweise mit seinem bürgerlichen Namen Karriere machen und mit der CD „Sturmvogel“ (Double Moon/SunnyMoon) als 22. Hoffnungsträger der „Jazz thing – Next Generation“ für Aufsehen sorgen will, liefert jedoch weitaus plausiblere Erkenntnisse über die Ursachen des Weilheimer Soundbiotops. Da gab es zum Beispiel einen engagierten Musiklehrer, der am örtlichen Gymnasium eine Bigband ins Leben rief, in der sich nahezu alle Talente tummelten. Auch Max Frankl. Dessen Eltern hatten ihm zuvor eine Ausbildung auf der klassischen Gitarre ermöglicht und die pubertären Ausflüge in die Welt des Alternative-Rock wohlwollend begleitet. Bis der Jazz die Koordinaten völlig veränderte.

Natürlich kamen noch einige günstige Umstände dazu. Zufällig zog nämlich besagter Johannes Enders direkt gegenüber in Weilheim ein. „Ich hab‘ ihn dann einfach gefragt, ob er mir Unterricht gibt.“ Auch bei Martin Scales, einem der angesagtesten Gitarristen der Republik und ebenfalls gleich um die Ecke in Etting wohnhaft, klopfte der pfiffige Bursche an, um sich in die Geheimnisse exorbitanter Grifffolgen einweisen zu lassen. Nächste Fügung des Schicksals: die Begegnung mit Wolfgang Muthspiel. „Ich hab‘ den Johannes so lange genervt, bis er mich ihm einmal nach einem Konzert vorstellte.“ Ein Wink des Schicksals für beide. Dem Wiener Saitenguru gefielen die Konsequenz und die Philosophie des Nobodys aus dem Bayerischen, weil sie seiner eigenen ziemlich ähnelten. Als Muthspiel in Basel unterrichtete, lotste er den jungen Kollegen selbst nach Ablauf der Anmeldefrist von Amsterdam direkt in seine Klasse.

Das Ausnahmetalent weiß, dass so etwas keineswegs selbstverständlich ist: „Dem Wolfgang habe ich eine Menge zu verdanken. Er hat sich für mich eingesetzt und sogar meine CD produziert.“ Er repräsentiere eine Generation, die den Jazz weiterführe, ohne den Umweg der Fusionmusik einzuschlagen, lobt Muthspiel in den Liner notes zu „Sturmvogel“. Mit Frankl öffne sich eine neue Klangwelt, die viele Atmosphären einfange, die nicht ursprünglich aus dem Jazz kämen, sondern aus der Klassik, der Ambient Music oder dem Genre der Singer/Songwriter. Außerdem setzt der unprätentiöse Weilheimer auf einen sorgsam austarierten Ensembleklang und hat mit dem Saxofonisten/Klarinettisten Ulrich Wangenheim, dem Pianisten Christian Elsässer, dem Bassisten Andreas Kurz und dem Schlagzeuger Andy Haberl eine handverlesene Band zusammengestellt, deren Schwungräder perfekt ineinander laufen. Nicht umsonst attestiert Muthspiel dem 25-Jährigen „eine Umsicht bezüglich der Gesamtbalance, die man in diesem Alter selten antrifft. Alles atmet, alle Protagonisten haben Platz, alles fügt sich organisch in den Gesamtklang ein.“

In der Tat liebt es Max Frankl, Musik zu gestalten. Von Anfang an. „Mit einer Komposition lässt sich am besten eine eigene Stimme entwickeln. Man soll mich erkennen können.“ Das Solo als Mittel zum Zweck verliert immer mehr an Bedeutung, obwohl ein ausgebuffter, mit allen Möglichkeiten der Rhythmik, Phrasierung und improvisatorischen Flexibilität gesegneter Techniker wie er gerade über spektakuläre Alleingänge immer noch am wirkungsvollsten für Aufsehen sorgen könnte. Alte Regeln, neuer Sound: Vielleicht ist es genau das, was arrivierte Musiker wie Enders (mit dem Frankl 2005 die Band Frankzone formierte und die CD „1″ für Mons/SunnyMoon aufnahm), Muthspiel (der für ihn den Titel „Quite Frankly“ schrieb) oder Peter Herbolzheimer (unter dessen Leitung er 2005 ins Bundesjazzorchester einstieg) reizt, einen Frischling wie ihn unter ihre Fittiche zu nehmen.

Derzeit lebt und lernt Max Frankl in Luzern, weil er auf der dortigen Musikhochschule die Chance bekam, mit Kurt Rosenwinkel, Frank Möbus und Rainer Tempel zu arbeiten. „Wichtig ist nicht, wo die Schule steht, sondern was man von wem lernen kann.“ Abschluss im Juli 2009. Danach muss unbedingt wieder ein Tapetenwechsel her. Luzern ist ja ganz nett, aber eben auch klein. Weilheim auf Schweizer Art. „New York wäre toll, vielleicht klappt es ja mit dem DAAD-Stipendium für ein Jahr“, hofft Max. Ein bisschen Glück und ansonsten harte Arbeit. „Den Jazz muss man sich erspielen.“ Ein Resümee, aus dem eine ganz erstaunliche Reife spricht. Nicht umsonst verheißt ihm deshalb Wolfgang Muthspiel eine große Zukunft: „Hier macht sich jemand auf eine lange Reise, und wir dürfen zuhören.“

Weiterführende Links:
Max Frankl

Text
Reinhard Köchl

Veröffentlicht am unter Next Generation
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