ELBJAZZ 2018

Jazz thing Next Generation Vol. 12

In den Zwischenräumen von Jazz und Pop gibt es Diskussionsbedarf. Die Musiker der Coustics aus Hannover kommen dem weidlich nach – sehr zum Leidwesen mancher Beteiligten. Allerdings erzeugen die sechs Freigeister, die trotz aller Unterschiedlichkeiten gemeinsam an ihrer persönlichen Idealvorstellung von moderner Musik basteln, neben jeder Menge Stress obendrein eine ungeheure Kraft. Eine „Next Generation“, die sich nicht mehr an gängigen Konventionen orientiert, sondern ihre eigenen Regeln aufstellt. Auch im bandinternen Miteinander.

Coustics - Coustics

Sein ganz persönliches Ideal von Musik zu verfolgen, das kann manchmal ziemlich aufreibend sein. Albi Husen, Impulsgeber und Schlagzeuger der Coustics aus Hannover und eigentlich alles andere als ein Masochist, muss diese Gewissheit nun schon seit gut acht Jahren ertragen. Sechs Bandmitglieder, sechs Freigeister, sechs Interessen, sechs Charaktere: Das ist Stress pur. „Wenn Einzelne von uns zusammen sind, dann läuft es meistens ganz gut. Alle auf einem Haufen aber sind wahnsinnig anstrengend. Ich bin mehr der ruhige Typ, andere wiederum das genaue Gegenteil.“

So kann es durchaus vorkommen, dass bei einer Besprechung über wichtige Termine zwei Fußballverrückte seelenruhig das zurückliegende Spiel von Hannover 96 in alle Einzelheiten zerklauben, während die anderen genervt daneben sitzen. Weiter will Husen das gruppeninterne Nähkästchen nicht öffnen. „Stilistisch und auch menschlich sitzen wir zwischen allen Stühlen“, schickt Gitarrist Lothar Müller noch sibyllinisch hinterher, und irgendwie formt sich ein ungefähres Bild, wie Proben und das restliche Miteinander bei den Coustics wohl ablaufen könnten.

Das Psychogramm einer Band. Eine Fundgrube für jeden ambitionierten Verhaltensforscher. Musik als Resultat gruppendynamischer Prozesse. „Zum Glück ist das so“, schickt Husen hinterher, und die Vermutung, dass er doch irgendwie seinen heimlichen Spaß am Leiden haben könnte, rückt wieder massiv in den Vordergrund. „Sonst wären die Coustics vermutlich schon längst nicht mehr beisammen.“ Wenn die sechs auf der Bühne stehen, dann beobachtet der Drahtzieher nämlich immer wieder, dass sich die Reibung in eine mächtige kreative Kraft verwandelt. „Das ist es, was ich schon immer gesucht habe“, sagt der Primus inter Pares und klingt auf seltsame Weise zufrieden. „Den Rest muss man eben ertragen.“

So ist das halt mit den Coustics. Wobei das geräuschvolle „Menscheln“ mitnichten Rückschlüsse auf die postpubertären Allüren einer Nachwuchsband zulässt. Zwar kennen sich Husen und Ritchie Staringer (Keyboards) schon seit vielen Jahren, unterhielten gemeinsam eine Band sowie ein Studio und produzieren bis heute Jingles für Fernsehen, Radio und Werbung. Genauso wie Lothar Kuklinski (Trompete), Kati Schifkowski (Vocals), Gunnar Treff (Bass) und Lothar Müller firmieren sie als Profimusiker, die ihren Lebensunterhalt mit Unterricht sowie Jobs an Wochenenden verdienen.

Dennoch setzt das heterogene Sextett, dessen Keimzelle an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover lag und das 2001 sowie 2003 den Preis des Jazzpodiums Niedersachsen gewann, den ursprünglichen Grundgedanken der Reihe „Next Generation“ bislang wohl am konsequentesten in die Tat um. Elektrische und akustische Sounds, Ambient, Dancefloor, Pop, Jazz, ein Schuss Miles Davis, Nils Petter Molvær, Portishead: Nicht zuletzt daher rührt auch das Wortspiel mit dem fehlenden A im Gruppennamen. „Man könnte es improvisierten Pop nennen“, überlegt Lothar Müller und ist sich dennoch nicht ganz sicher. Klar, es seien in erster Linie Lieder, Songs, inspiriert von Singer-Songwritern wie Duncan Sheik, David Poe sowie dem unverwüstlichen Sting. „Aber es passieren viele unvorhergesehene Dinge, wenn wir auf der Bühne stehen.“ Das liegt natürlich in erster Linie an den sechs Querköpfen. Und am siebten, halb virtuellen Bandmitglied, das zwar keine Seele, aber dafür viele Möglichkeiten besitzt: der Maschine.

Samplen können mittlerweile viele. Auf der Basis von Samples eine Atmosphäre kreieren, die das Ohr nicht mehr loslässt, das können nur ganz wenige. „Wenn Elektronik mit am Start ist, nimmt man das meiste normalerweise zu Hause auf und feuert es dann auf der Bühne ab“, doziert Albi Husen. „Dabei entsteht aber auch ganz automatisch eine Grenze. Indem Lothar und ich live sampeln, versuchen wir die zu durchbrechen und völlig neue Spielsituationen zu schaffen.“ Das gelingt den Coustics auf ihrer ersten CD gleichen Namens (Double Moon/sunny moon) tatsächlich. Das Prinzip der kollektiven Improvisation nach dem Baukastenmodell funktioniert hervorragend. Alle Mitglieder beugen sich der knisternden, ungeheuer spannenden Atmosphäre, ohne sich zu verbiegen. Einvernehmlichkeit im diametralen Gebilde herrscht vor allem dann, wenn es darum geht, Klischees zu vermeiden, sich nicht anzubiedern, etwas ganz und gar Authentisches zu schaffen.

Ist es wirklich noch Pop? Ja, aber auf keinen Fall die klassische, radiotaugliche 3:42-Songlänge. Viele Stücke entwickeln die Qualität und Quantität eines Opus wie das gründelnde, subtil schwebende „New Morning“ oder das ruhige, sphärische „Heute, Nach Einer Ewigkeit“, andere wiederum hetzen unter zwei Minuten durch wilde Drum&Bass-Rohre, Schluchten voller echoschwangerer Disco-Beats, psychedelische Albtraumtäler und blühende Latin-Felder. Dennoch sollte sich niemand wundern, wenn das eine oder andere Thema im Gehörgang stecken bleibt, wenn er Kati Schifkowskis dunkles Timbre nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Und Jazz? Durchaus, vor allem wenn es um das improvisatorische Element geht. „Aber wir werden nicht Musik, die schon ein paar Jahrzehnte alt ist, eins zu eins in die Gegenwart übertragen. Das ist uns viel zu wenig“, formuliert Husen das Bandcredo. Beide Stilelemente haben nach seiner Meinung längst Patina angesetzt. Zeit, sich weiterzuentwickeln.

Die Coustics sehen sich als Grenzgänger, als freie Musiker im modernen Sinn des Wortes, als Wandler in den Zwischenräumen und Paralleldimensionen. Aber sie sind anders als viele, die es sich ebenfalls plakativ auf ihre Fahne geschrieben haben, mit Dogmen zu brechen. Sie sind (im positiven Sinn) typisch deutsch, ungeheuer akribisch und bis zur Schmerzgrenze basisdemokratisch. „Sechs Leute ziehen eben nicht immer an einem Strang“, lächelt Lothar Müller wissend. „Wir wundern uns manchmal schon, was dabei herauskommt.“ Wie gut, dass wenigstens der Sample-Player nicht aufmuckt.

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