ELBJAZZ 2018

Wohl selten passte die Überschrift der Nachwuchsserie von Jazz thing und der Plattenfirma Double Moon so gut wie beim Benjamin Schaefer Trio. Mit gerade einmal 23 Jahren hat der Pianist mit „Shapes And Colours“ ein erstaunlich reifes Debüt hingelegt.

Benjamin Schaefer Trio - Shapes & ColoursBenjamin Schaefer kann sein Glück immer noch kaum fassen. Beworben hat er sich mit ein paar Demos, die die Verantwortlichen dieser Zeitschrift und bei sunny moon, dem für Double Moon zuständigen Vertrieb, durchaus veröffentlichenswert fanden. Nur Schaefer selber nicht. „Ich wollte die Stücke lieber noch einmal in einem richtigen Studio aufnehmen“, bekennt er. Auserkoren wurde das Wuppertaler Greenhouse Studio von René Pretschner, das nicht nur mit einem amtlichen Flügel gesegnet ist, sondern durch die Studiofenster auch schöne Ausblicke in die umgebende Natur gestattet. Die Investition hat sich gelohnt, denn die „Shapes And Colours“ klingen glasklar und tiefenscharf.

Mit dem Klavierspiel begonnen hat Benjamin Schaefer, der in Braunschweig aufgewachsen ist und mittlerweile an der Kölner Musikhochschule studiert, schon relativ früh. „Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen“, erzählt er. „Ich hatte jahrelang klassischen Unterricht, allerdings mit wenig Drill, sondern mehr nach Lust und Laune. Meine Eltern standen Gott sei Dank hinter mir und haben mich zum Üben angehalten, sonst hätte ichs, glaube ich, bald gelassen. Sie haben mich außerdem in der Braunschweiger Domsingschule angemeldet, weil sie glaubten, dass ich ein gewisses musikalisches Talent hätte, und das wollten sie fördern. Irgendwann bin ich dann zum Jazz gewechselt.“ Dabei hat der Braunschweiger Jazzpianist Otto Wolters eine Rolle gespielt. „Ich hatte einen Schulfreund, der bei Otto Wolters Unterricht hatte“, erinnert sich Benjamin Schaefer. „Was der da gespielt hat, gefiel mir sehr, und ich habe mir das Real Book gekauft. Später hatte ich dann auch Unterricht bei Otto Wolters.“

Spätestens jetzt hieß es: Üben, üben, üben. Doch worauf Schaefer geübt hat, das dürfte so manchem Klavierpädagogen, der Wert auf die Vermittlung eines kultivierten Anschlags legt, die Haare zu Berge stehen lassen. „Wir hatten immer nur ein E-Piano“, grinst Schaefer. „Letztes Jahr habe ich mir zum ersten Mal ein richtiges Klavier gekauft. Das Studium war für mich dann eine große Umstellung, weil ich hier natürlich nur noch auf Klavieren und Flügeln gespielt habe. Bei uns zu Hause war das vor allem ein Nachbar-Problem, denn durch das E-Piano hatte ich die Möglichkeit, mit Kopfhörer zu spielen.“

Was „Shapes And Colours“ – neben der puren Musikalität – bemerkenswert macht, ist die Tatsache, dass die CD ausschließlich Eigenkompositionen des Bandleaders enthält. Benjamin Schaefer legt Wert auf die eigene Handschrift, was aber noch lange nicht heißt, dass er die Standards für entbehrlich hält. Dabei zählt er weder zu den Leuten, die meinen, dass man nachts um drei geweckt werden und fehlerfrei „On Green Dolphin Street“ spielen können müsse, noch zu denen, die die Standards allein schon wegen ihrer US-Herkunft als einem Europäer fremde Wurzeln ablehnen. „Ich finde schon, dass die Standards dazugehören“, meint Schaefer, „vor allem, weil man bei Sessions auch mal ohne Noten auskommen möchte. Es ist tatsächlich das Standardvokabular. Viele Standards stellen einfach ein starkes Statement dar, mit klarer Form und prägnanter Melodie. Hinzu kommt, dass diese Stücke meistens von Leuten geschrieben wurden, die wussten, wie man so etwas schreibt und ein breites Publikum damit anspricht.“

Ein bisschen von diesem Appeal haben auch Schaefers Stücke. Gediegene Harmonien, eine süffige Melodik wie im brasilianisch angehauchten „Progeny“ und ein sensibles Miteinander der beteiligten Musiker – das sind die Stärken seiner Musik. Aber manchmal kann er auch kräftig zupacken. In „Reminiscence“ verbeißt sich Schaefer gegen Ende in Riff-ähnlichen Akkorden und gibt seinem Schlagzeuger Marcus Rieck so die Gelegenheit, sich einmal richtig auszutoben. Überhaupt ist ihm der Triogedanke wichtiger, als sich pianistisch in Szene zu setzen. „Es macht mir viel Spaß, mit anderen Leuten Musik zu machen“, betont Benjamin Schaefer sein Credo, „das habe ich schon bei diversen Schultheateraufführungen gemerkt. Und beim Jazz kann man eben besonders gut mit anderen Leuten kommunizieren. Es ist wie bei allen Künsten: Je mehr man davon versteht, desto besser kann man sich verständigen.“

Entstanden sind die Stücke alle in den letzten zwei, drei Jahren während seines Studiums, und über die Titel seiner Kompositionen kann Schaefer auch noch Aufklärung leisten. So ist „Waltz For Richie“, der verträumte Opener, Richie Beirach gewidmet. Etwas komplizierter liegt der Fall im zweiten Stück: „McIgor ist der Name meines Lieblings-Baguettes, das es in einem Laden in Braunschweig gibt“, erläutert Benjamin Schaefer. „Aber der Titel bezieht sich auch auf Igor Strawinsky, denn mit Le Sacre du Printemps habe ich ganz schön viel Zeit zugebracht.“

Und wer nicht glauben mag, dass ein Musiker mit 23 Jahren schon so gut sein kann wie Benjamin Schaefer, dem sei gesagt: Bassist Robert Landfermann, der auf „Shapes And Colours“ sowohl als Solist wie auch als Ensemblespieler eine mehr als solide Leistung hinlegt, ist sogar noch jünger.

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