Nein, die Reihe „Next Generation“ soll nicht Sängerinnen vorbehalten bleiben. Aber Anette von Eichel ist einfach zu gut, um weiterhin ignoriert zu werden. Und so stammt eben auch das zweite Album der von der Kölner Firma Double Moon und dieser Zeitschrift präsentierten CD-Reihe wiederum von einer Sängerin – die sich aber als Musikerin in einer Band versteht.

Anette von Eichel - Get Out Now

Ein Gespinst aus Klavier und akustischer Gitarre, das von einem prägnanten Bass und einem druckvollen Schlagzeug vorangetrieben wird: So beginnt „Karawane“, das vierte Stück auf Anette von Eichels neuer CD „Get Out Now“ (Double Moon/sunny moon). Darüber erhebt sich die klare und reine Stimme der Sängerin. Text? Fehlanzeige! Anette von Eichel kanns auch ohne Worte – und steigert sich allmählich in kontrollierte Ekstase.

Damit wäre die gewichtige Ausnahme dieses Albums markiert, denn die restlichen zehn Stücke verfügen über Lyrics, die in den meisten Fällen von der Sängerin selbst stammen. Auf den Jazzgesang hat sie sich schon recht früh gestürzt. „Meine erste Begegnung mit Jazz habe ich in der Schul-Big-Band gehabt“, erinnert sich Anette von Eichel. „Eingestiegen bin ich als Querflötistin. Der Leiter der Big Band kam dahinter, dass ich singen kann, und hat dann immer öfter die erste Trompetenstimme durch eine Gesangsstimme ersetzt.“

Musik ist für viele Teenager ein netter Zeitvertreib, doch Anette von Eichel merkte bald, dass bei ihr mehr dahinter steckte. „Ich habe ziemlich schnell gewusst, dass Musik mein Weg ist, aber was heißt das schon“, meint die Sängerin heute. „In meiner Umgebung haben alle Musik als Hobby gemacht. Wenn man sich dann dafür entscheidet, Musik beruflich zu machen, ist das schon etwas anderes. Ich bekam einen Studienplatz in Essen, habe mich aber nicht getraut, ihn anzunehmen. Später habe ich mich noch einmal beworben und konnte mich dann sogar zwischen Den Haag, Hilversum und Essen entscheiden.“

Entschieden hat sie sich für Den Haag. „Dort habe ich auch meine Band kennen gelernt“, erzählt Anette von Eichel. „Wir haben uns relativ schnell gefunden, und seit 1999 steht die Formation eigentlich. Auf der ersten CD, die in Holland veröffentlicht wurde, haben wir noch in unterschiedlichen Besetzungen gespielt, aber ‚Get Out Now‘ ist eigentlich eine Band-CD.“

Und diese Band ist international besetzt. Saxofonist Michael Erian ist Österreicher, Gitarrist Jakob Frandsen stammt aus Dänemark, am Klavier sitzt der Holländer Wolfert Brederode, und nur die Rhythm Section, Jens Loh am Bass und Schlagzeuger Thorsten Gran, kommt aus Deutschland. Die Hochschulzeit in den Niederlanden hat Anette von Eichel positiv in Erinnerung. „Einer der großen Vorteile einer Hochschule ist, dass sie einem einen Freiraum bietet“, meint sie. „Es wird erwartet, dass man übt, dass man den Unterricht, der angeboten wird, wahrnimmt und dass man Leute kennen lernt. Die laufen alle um einen rum, und deshalb fällt der Kontakt leicht. Natürlich ist es so, dass eine Hochschule auch Werte vermittelt. Die Hochschulen in Holland orientieren sich schon etwas stärker an der Jazz-Tradition als die Hochschulen in Deutschland. Das hat seine Vorteile, weil es gar nicht schlecht ist, sich mit Swing und Bebop auseinander zu setzen, auch wenn man moderne Musik machen will. Es kann natürlich auch den Nachteil haben, dass man dann nicht mehr davon loskommt. Damit habe ich aber keine Probleme gehabt.“

Mit Swing und Bebop hat die Musik, die Anette von Eichel macht, nichts mehr zu tun. Die Sängerin bevorzugt einen luftigeren, moderneren Sound. Mit „The Good Life“ findet sich nur ein Standard auf „Get Out Now“. Dass der nun ausgerechnet in der Fernsehwerbung rauf und runter gedudelt wird, davon konnte Anette von Eichel zum Zeitpunkt der Aufnahme nichts ahnen. Ansonsten dominieren Vorlieben, die die Sängerin so definiert: „Wenn man sagen kann, dass es amerikanisches und europäisches Repertoire gibt, dann habe ich mich ziemlich schnell in Richtung des europäischen Repertoires entwickelt.“

Der lyrische Klang eines Kenny Wheeler ist da durchaus Vorbild, und so finden sich auch zwei Stücke des Briten auf Anette von Eichels CD, zu denen die Wahlkölnerin die Texte geschrieben hat. „Ich habe schon früh begonnen, mich für Stücke ohne Texte zu interessieren und dafür Texte zu schreiben“, erklärt Anette von Eichel. „Da haben mich vor allem Stücke von Kenny Wheeler, John Taylor oder Norma Winstone fasziniert. Es ist auch viel einfacher, von einem Text ausgehend Musik zu schreiben – ich bin sehr textbezogen. Ich finde Sprache wunderbar.“

Zusammen mit dem dichten und gleichzeitig transparenten Sound ihrer Band ergibt das elf prägnante Songs, die von den Musikern bewusst kurz und kompakt gehalten wurden. „Der Bandklang soll immer im Dienste des Stückes stehen“, erklärt Anette von Eichel und betont: „Eine meiner Stärken als Sängerin ist, dass ich in einer Band als Musikerin arbeiten kann. Ich bin keine Sängerin, die von einer Band begleitet wird. Dazu gehört dann auch, dass Arrangements gemeinsam ausgearbeitet werden. Ich bin kein Bassist und mein Bassist hat mit Sicherheit tollere Ideen, wie man das, was ich hören möchte, umsetzen kann. Wir haben da noch viele Möglichkeiten – und ich bin gespannt, wie wir in drei Jahren klingen.“ Das sind wir auch – aber verdammt gut klingen Anette von Eichel und ihre Band schon heute.

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