RIP: Gunter Hampel

Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Flexibilität: Eigenschaften, die sich dieser Vibrafonist und Bassklarinettist sein (Berufs-)Leben lang bewahren sollte – und die ihn ab den „wilden“ 1960ern zu einem Solitär in der Jazzszene werden ließen. Seine Platte „Heartplants“ 1965 gilt als eine der ersten Aufnahmen des europäischen Free Jazz. Die Improvisationsmusik darauf klingt ganz anders als das, was man aus dieser Zeit kennt: ein Spielen mit im Jazz oft unüblichen Formen beispielsweise, oder ein vorsichtiges Suchen nach Verbindungen zwischen den Musiken Europas und Afrikas. Dieses Album wurde auch sein Entree in die USA. ESP-Chef Bernard Stollman hörte den Deutschen und brachte 1967 „Music From Europe“ der Gunter Hampel Group heraus – als erste und einzige Veröffentlichung eines Europäers auf ESP-Disk.
1969 zog Hampel nach New York. „Als ich nach Amerika kam (ich wohnte damals bei Jeanne Lee in der Bronx), haben mich alle eingeladen: Chick Corea, David Liebman, Steve Grossman – die ganze Miles-Davis-Clique. Wir haben tagelang gejamt und vor allem meine Musik gespielt.“ Im selben Jahr gründete er mit Birth Records seine eigene Plattenfirma, auf der er von da an ausschließlich seine Musik herausbrachte. Als erste Veröffentlichung erschien ein Album, das absolut seiner Philosophie eines ebenso zeitgenössischen wie traditionsbewussten Jazz entsprach: „The 8th Of July“, aufgenommen mit den Europäern Hampel, Willem Breuker (Saxofon) und Ajren Gorter (Bass) und den Afroamerikanern Anthony Braxton (Saxofon), seiner Ehefrau Jeanne Lee (Gesang) und Steve McCall (Drums). „Für mich galt es“, so Hampel, „die Anfänge des Jazz neu zu betrachten: Warum diese Musik so entstanden ist, wie sie es ist. Denn nur dann hatte ich die Möglichkeit, etwas Neues machen zu können: Ich habe die ,Geburt des Jazz‘ mit meiner eigenen Musik wiederholt, aber mit den Mitteln der heutigen Zeit.“
In New York rief Hampel 1972 seine Galaxy Dream Band ins Leben, die über viele Jahre stets multinational und verschieden groß besetzt war und eine improvisierte Musik zu Gehör brachte, die komplex, expressiv und eruptiv war, aber auch ihre schönsten Momente dann hatte, wenn sie leise wurde, sich melodisch und folkloristisch gab – und den Geist des frühen Jazz einzufangen suchte. Zudem trat er unter anderem oft mit seiner Ehefrau auf oder spielte bis zu dessen Tod 2010 regelmäßig mit dem Saxofonisten Marion Brown.
Neben seiner Arbeit als Musiker, Label-Chef und Produzent in eigener Sache fand Hampel immer auch Zeit, Kinder-Workshops zum Thema „Improvisation“ zu geben. Dabei ging es ihm nicht um einen Musikunterricht im „klassischen“ Sinn. „Ich gebe den Kindern die volle Breitseite, gleich von Anfang an“, so Hampel. „Ich vergeude nicht meine Zeit, ihnen das ABC der Notenschrift beizubringen. Vielmehr zeige ich ihnen das komplette Spektrum kreativer Arbeit, das, wozu Kommunikation fähig ist.“ In den 1990ern begann er sich mit der populären Musik der Jugend auseinanderzusetzen. Er startete seine Jazz-HipHop-Band Next Generation, arbeitete mit der Jazzkantine zusammen und rief 2001 die Music + Dance Improvisation Company ins Leben, an der zeitweise sein Sohn Ruomi Lee-Hampel beteiligt waren. 2002 bildete er mit Johannes Schleiermacher (Saxofon) und Bernd Oeszevim (Drums) ein Trio, das kurz darauf mit dem Bassisten Andreas Lang sein European Quartet wurde, hin und wieder mit seiner Tochter Cavanna Lee-Hampel als Sängerin. 1997 wurde Hampel mit dem Niedersächsischen Staatspreis ausgezeichnet, zehn Jahre später verlieh ihm seine Geburtsstadt Göttingen die Ehrenmedaille. Im selben Jahr wurde ihm der Albert-Mangelsdorff-Preis zuerkannt und 2009 bekam er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Am 18. Mai ist Gunter Hampel im Alter von 88 Jahren gestorben.
Weiterführende Links
Gunter Hampel






