ARTE: Marvin Gaye

Fast hätte es Gaye während dieser Zeit in dem altehrwürdigen Seebad an der belgischen Nordseeküste geschafft, von seiner Drogensucht loszukommen, wieder Kraft zu tanken und an ein Comeback als Sänger zu denken. Geradezu rührend sind jedenfalls die Erinnerungen der Tochter Cousaerts, Pascale, die davon erzählt, wie Gaye Teil der Familie wurde, wie er für die Mutter einkaufen ging oder den Großvater im Krankenhaus besuchte. Man sieht ihn joggend am Strand Ostendes oder in einem Gym boxend, in einer Bar in Ostende rauchend und Bier trinkend und im Casino Musik probend, lässig mit Mikrofon in der Hand im Jogginganzug auf einer Bank liegend. Fast wäre es ihm also geglückt, gesundet auf die Konzertbühnen und in die Aufnahmestudios zurückzukehren. Doch dazu später mehr.
Zuerst erzählt Vasseghi die Lebensgeschichte und Vita Gayes, der einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts gewesen sein soll, auf jeden Fall aber in den 1960ern und ’70ern einer der erfolgreichsten Soul-Acts von Barry Gordys Motown Records war. Doch Gaye ließ sich nicht auf die Rolle des Schnulzensängers reduzieren, seine Hits wie zum Beispiel „I Heard It Through The Grapevine“ waren in der Regel keine schlichten Liebeslieder über „Boy meets Girl“. Mit „What’s Going On“ politisierte er 1971 sogar die bis dato so unpolitische Soul Music. Gleichzeitig verarbeitete er mit diesem stilbildenden Album auch den frühen Krebstod von Tammi Terrell, mit der er in der zweiten Hälfte der 1960er erfolgreich Duette wie „Ain’t No Mountain High Enough“ sang. Seine Songs verbanden auf jeden Fall Melancholie und Hoffnung, Sinnlichkeit und Sozialkritik – und machten ihn zur Stimme des Aufbruchs. Doch hinter der perfekten Fassade verbarg sich ein zutiefst verletzter Mensch, der unter Selbstzweifeln litt und dem zeitlebens Lampenfieber zu schaffen machte. Frühkindliche Traumata, Depressionen, Drogenmissbrauch und familiäre Konflikte überschatteten sein Leben.
Für seine Doku sprach Vasseghi mit dem Gaye-Biografen und -Freund David Ritz, mit dessen einstigem Bandmitglied George Shaw, dem britischen Multiinstrumentalisten und Sänger Jamie Lidell oder der Journalistin Hadnet Tesfai. Zu Wort kommt auch eine Psychologin, die die seelische Zerrissenheit Gayes in Verbindung zu bringen versucht mit dessen erfolgreicher Karriere. Am Schluss dieser 50 Minuten kurzen Doku geht es noch einmal zurück nach Ostende. Ritz erinnert sich, wie er seinen Freund Marvin auf den Song „Sexual Healing“ brachte und Gaye in die USA zurückzukehrte, wo er von Columbia Records unter Vertrag genommen wurde und 1982 „Midnight Love“ veröffentlichte. Darauf war auch „Sexual Healing“ zu finden, das er noch in Belgien mit zwei seiner Tourneemusikern aufgenommen hatte, die ihn nach Ostende begleitet hatten, Gitarrist Gordon Banks und Organist Odell Brown. Doch aller Erfolge dieses Songs und des Albums zum Trotz kehrten seine Dämonen zurück, Drogensucht und gesundheitliche Probleme machten Gaye wieder zu schaffen. Ein Tag vor seinem 45. Geburtstag am 2. April 1984 wurde er nach einem Streit von seinem Vater erschossen.
Am 30. Januar zeigt der deutsche-französische Kultur-TV-Sender ARTE die Doku „Marvin Gaye – Visionär des Soul“ ab 21:45 Uhr, gefolgt von „Marvin Gaye – Greatest Hits“ ab 22:40 Uhr, einem Mitschnitt des Auftritts während der ersten Europatournee des Sängers 1976 in der Jaap Edenhal in Amsterdam. Beide Filme sind auch online in der ARTE-Mediathek zu sehen.
Weiterführenden Links
„Visionär des Soul“
„Greatest Hits“





