ist am 3.1. gestorben: Paul BleyPaul Bley

Wer weiß, vielleicht wäre die Genese des Free Jazz Ende der 1950er-Jahre ohne Paul Bley anders verlaufen? Jedenfalls lebte zu der Zeit der Pianist in Los Angeles und hatte dort eine Band unter anderem mit dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Billy Higgins. Mit dieser Band experimentierte Bley bereits mit anderen Parametern zur Improvisation als den damals üblichen: mit einer tonal offenen Harmonik und mit einer Melodik, die sich nicht von Akkorden ableiten ließ. Irgendwann in diesen Jahren stießen der Saxofonist Ornette Coleman und der Trompeter Don Cherry zur Bley-Band und zusammen produzierten die Musiker die Blaupause für die Improvisationsmusik, die kurz darauf als „Free Jazz“ die Szene erschüttern sollte. „Meine Band war also jene, die bald darauf Ornettes Band werden sollte – das verschweigt er heute gerne. Ornette wollte zurück nach New York und fragte, ob er Charlie Haden mitnehmen könne. Ich antwortete ihm: ,Das musst du sogar, denn kein anderer Bassist kann deine Kompositionen spielen.‘ Die Zusammenarbeit mit Ornette hat mich sehr inspiriert und mein Leben verändert“, erinnerte sich ein aufgeräumter Paul Bley vor drei Jahren, als unser Autor und Fotograf Arne Reimer den damals 80 Jahre alten Pianisten in seinem Heimatort Cherry Valley in Upstate New York besucht hatte, um ihn für unsere Artikelserie und das darauffolgende Buch „American Jazz Heroes“ zu interviewen und zu fotografieren.

Diese Episode aus dem Leben des Jazzpianisten ist bezeichnend für den Charakter von Paul Bley. Obwohl der 1932 im kanadischen Montreal geborene Bley stets auf der Suche nach der absoluten Freiheit in der improvisierten Musik war, so gehörte er dennoch nicht zu denjenigen, die bilderstürmerisch Basis und Tradition des Jazz zertrümmerten. Zwar besaß sein Spiel und sein Konzept der tonalen Freiheit von Anfang an eine außerordentliche intellektuelle Komplexität, dennoch zeichnete sich seine Rhythmik stets durch einen delikaten, subtilen Swing aus und seine Improvisationen auf dem Piano hatten eine melodische Stringenz, die im Umfeld der amerikanischen Free-Jazz-Avantgarde ungewöhnlich und unüblich war.

Oft stand Bley im Fokus jazzmusikalischer Neuerungen: etwa 1964, als im New Yorker Cellar Café die sogenannte „October Revolution“ ausgerufen wurde, oder als er unter anderem mit seiner damaligen Ehefrau Carla Bley die Jazz Composer’s Guild mitgründete. Auch wenn Bley 1969 als erster Musiker überhaupt mit den Möglichkeiten des analogen Moog-Synthesizers zu experimentieren begann, so ließ er nur drei Jahre später davon ab, als der elektrische Jazz-Rock seinen Siegeszug antrat, und konzentrierte sich ganz auf den akustischen Flügel. Die 1972 auf ECM erschienene Platte „Open, To Love“ war der Startpunkt für eine ganze Reihe von improvisierten Piano-Solo-Aufnahmen, in denen Bley sein nicht alltägliches Konzept demonstrieren konnte. Überhaupt hatten es ihm in den vergangenen 40 Jahren vor allem kammermusikalische Besetzungen angetan: Duos und Trios, manchmal erweitert durch einen oder zwei Bläser. Mit diesen Besetzungen konnte Bley auf dem Klavier seine artifizielle, impressionistisch leise Poetik zur Gänze ausspielen. Am 3. Januar ist Paul Bley im Alter von 83 Jahren gestorben. Text Martin Laurentius

Weiterführende Links
Paul Bley

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Arne Reimer

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