Gitarrist Joao GilbertoZum 80. Geburtstag von Joao GilbertoEr hat vor 53 Jahren die wohl sanfteste Revolution der Musikgeschichte losgetreten: João Gilberto. Nach erfolglosen Bohème-Streifzügen durch Rio entwickelte der Mann aus Bahia einen neuen Stil mit verzögerter Phrasierung zwischen Gitarre und Stimme, komplexen Harmonien und zarter, fast gesprochener Lautmalerei wie in seinen frühen Songs „Hô-bá-lá-lá“ und „Bim Bom“. Dabei gelang es ihm, das perkussive, erdige Flechtwerk des Sambas auf sechs Saiten zu einem Swing der mühelosen Schönheit zu bündeln.

Gilbertos neuem Gitarrenbeat verfiel die bourgeoise Jugend, musikalische Vordenker wurden aufmerksam, unter ihnen der Komponist Antônio Carlos Jobim. Mit Gilbertos intimer Stimme und dem neuen Zupfmuster veränderte das erste Teamwork der beiden, „Chega De Saudade“, Brasilien: weg vom traurigen Herzschmerz des Samba Canção hin zu Leichtfüßigkeit in den Arrangements und Wortspielerei in den Versen. Drei LPs nimmt das Erfolgsduo Gilberto/Jobim bis 1961 auf, die rund 40 Stückchen begründen den Kanon der Bossa Nova mit späteren Welthits wie „Corcovado“, „Desafinado“ und „Samba De Uma Nota Só“.

Nach einem Carnegie-Hall-Konzert wird Gilberto von der Bühnenkante hinweg verpflichtet. Das aufdringliche Saxofon von Stan Getz drückt seine Gitarrenkunst an die Wand, mit dem Ipanema-Girl wird die Bossa Nova amerikanisch. Musikalisch schließt man die Akte João Gilberto hier schon allzu oft. Zu Unrecht, denn er nimmt weiterhin fabelhafte, immer reduziertere Alben auf: das berühmte weiße Album von 1973, „Amoroso“ mit den Strings von Claus Ogerman, ein Werk mit den Tropikalisten Caetano Velosos und Gilberto Gil. Und zuletzt, vor elf Jahren „João Voz e Violão“, mit einem hauchenden, fagottgleichen Timbre.

Doch die Medien pflegen lieber den Mythos vom einsamen Exzentriker. Je konsequenter er sich der Öffentlichkeit seit den 1970ern entzog, zuerst im Ausland, dann in seinem Apartment im Süden Rios, in dem er seit vielen Jahren nachts lebt und tags schläft, desto arabesker sprießen die Gerüchte. Er rede mit Katzen, kommuniziere mit der Welt nur über seine hundert Handys und spiele ununterbrochen Gitarre. Und in dieser Manier wird er, als halbmythisch entrückte Figur, wohl auch seinen runden Geburtstag am 10. Juni feiern. Ein detektivisch-poetisches Denkmal hat ihm der kürzlich verstorbene Marc Fischer in seinem wunderbaren letzten Buch „Auf der Suche nach João Gilberto“ (Rogner & Bernhard) gesetzt.

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

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