Martin Schüller

In einem Club sah ich ein Foto von Eddie „Lockjaw“ Davis aus den frühen Achtzigern im Kölner Subway. Er spielt Solo, im Publikum hinter ihm sitzt ein bebrillter junger Mann; sein in die Hand gestütztes Gesicht trägt den Ausdruck grenzenloser … tja, sprechen wir es aus: Langeweile.

Wo liegt sein Problem? Wir können es nur vermuten: In der Qualität des Solos? In der Dauer des Solos? In der Anzahl der Solos? An Eddies weißem Jackett? Von manchem etwas? Von allem alles?

Konzerte im oben erwähnten Club laufen nach meiner Beobachtung in aller Regel so ab: Kurz vor dem Gig Eintreffen der Musiker, Schlagzeug aufbauen, Tonarten festlegen und ab dafür. 2 mal Thema, Saxsolo, Trompetensolo, Pianosolo, Schlagzeugsolo, Basssolo, 2 mal Thema, fertig, zehn Minuten rum. Das alles mal 5, Pause, dann das ganze von vorn.

Als ich beim letzten Mal in der Pause all meinen Mut zusammen nahm und mich halblaut dahingehend äußerte, dass die Abschaffung des Basssolos die meisten Probleme des traditionellen Jazz auf einen Schlag lösen würde, stieß ich zu meiner erstaunten Erleichterung bei den Umstehenden, (darunter je ein Jazz-Redakteur von WDR und Ö1), auf begeisterten Jubel. Zustimmung aller Orten!

Bei Clubgigs ist es immer das Basssolo. Während der Bassmann seine Läufe abspult, wächst das unhörbare Grummeln im Innern der Zuhörer, die sich aber nichts anmerken lassen, sondern brav am Ende durch Applaus Konzentration und Verständnis vortäuschen.

Aber das führt auf den falschen Weg! Der abgefeierte Solist muss glauben, er sei der Größte und müsse in der nächsten Nummer wiederum ein Solo anbieten – dabei galt der Applaus gar nicht dem Solo, sondern schlicht der Tatsache, dass es vorbei war.

Das Problem entsteht zum einen durch mangelnde Lautstärke. Bei Balladen geht’s ja noch an, aber wenn vorher die Kollegen abgeswingt haben und/oder abgedreht sind, ist sogar der gemäßigteste Jazzlautstärkepegel so hoch, dass das Publikum freudig darunter hinweg kommuniziert und diese Kommunikation ungern unterbricht, nur weil sich (je)der Jazzbassmann weigert, seinen Amp ’nen Tick höher zu drehen. Zum anderen ist es natürlich vor allem die Anzahl der Solos – das Basssolo ist da nur das schwächste Mitglied einer viel zu großen Familie viel zu langer Zeitschindeeinheiten. Die Forderung muss also heißen: Abschaffung des 20-minütigen Gita- … äh, Solos. Vielleicht (haltet Euch fest) nur ein Solo pro Stück … na gut, sagen wir zwei. Die Stücke kürzer, dafür mehr davon und das Thema auch mal zwischendurch.

Und kein Basssolo!

Ist das dann noch Jazz?

Mir doch egal!

Veröffentlicht am unter Blog thing
Trackback URL: https://www.jazzthing.de/blogthing/basssolo/trackback/

22 Kommentare zu „Basssolo“

  1. Was hat ein Basssolo mit einem Orgasmus gemeinsam?
    Man merkt dass es kommt, kann aber nichts dagegen tun …

  2. Das Problem sind nicht Soli, schon gar nicht Bass-Soli, die gehören zu meinen Lieblings-Soli, wenn der Bassist gut ist. Das Problem ist diese langweilige Reihenfolge die Du oben ansprichst: „2 mal Thema, Saxsolo, Trompetensolo, Pianosolo, Schlagzeugsolo, Basssolo, 2 mal Thema, fertig, zehn Minuten rum“

    Schön ist: mal ein Stück ohne Solo, dann eines mit Bass-Solo, eines wo sich Sax und Schlagzeug präsentieren, usw.

    Soli sind die Würze der Jazzmusik. Aber nicht jedes Stück verträgt das ganze Gewürzboard.

  3. Zeichnet sich der Jazz nicht durch Soli und viel freien Raum für Improvisation aus? Was ist denn da los mit euch? Wieso sollte ein Bassmann nicht auch seine Kunst zeigen? Was würde man gerne als nächstes verbieten – Vibraphonsoli, Djembesoli, Bassklarinettensoli, Triangelsoli – vielleicht alle Soli?

    Beim Verbot von Posaunensoli hätte ich ja noch Verständnis…

  4. Viel freier Raum hat nur Sinn, wenn er gefüllt wird mit etwas, das nicht nur Platz weg nimmt. Posaune, Djembe, Bass: What’s the difference?

  5. @Martin Schüller:
    Gut, Du magst Bass offensichtlich einfach nicht. Ist verziehen. – Ich musste ihn ja auch erst entdecken. Vielsaitig. Macht ja nichts. Dein Artikel ist ja trotzdem witzig geschrieben und es gibt auch aktive Jazzer und konsumierende Jazzliebhaber (und die, die sich dafür halten), die Humor (oder das, was sie dafür halten) haben. Wirklich. Ganz bestimmt. Vielleicht hat Dich ja bisher (Achtung: rhetorische Unterstellung!) ein Djembé-Solist einfach noch nicht überzeugt und Du hältst Nils Landgren für den personifizierten Dilettantismus. Geschacksache. Ich mag seine Soli (oder – Frage an das Lektoriat – heisst es wirklich „Solos“?!). Unbedingt.
    Auch und gerade pianoorientierte JazzMusik – siehe/höre E.S.T oder Brad Mehldau hat doch das Solistische als Grundstruktur. Jederzeit. Multimodal im weiteren Sinne. Abwechslungsreich und überraschend.

    Mit einem hast Du aber sicherlich Recht: Man geht freiwillig auf ein Jazzkonzert.
    Gut, dass Du hingehst!

    @ Chrisfried: Verbotenes macht doppelt Spaß ;-)

  6. @B@ss
    Solos/Soli: Laut Duden geht beides. Aber beim drüber Meckern klingt „Solos“ einfach besser.

  7. he, jungs- das jazzkonzertkonzept, von dem Ihr da redet, ist schon seit mindestens zwei dekaden VOLLKOMMEN überholt!! dat sind olle kamellen…was für konzerte besucht Ihr denn??? der grösste teil der zeitgenössischen jazzmusik arbeitet mit kompositionen, die auf’s sorgfältigste komponiert und arrangiert sind, mit höchstens zwei solisten, deren raum für soli (jaja, AUCH die basssoli) in die komposition eingebettet sind…da ist auch in einem 20 minuten stück soviel spannung und neues drin, das hält man bald gar nicht aus…

  8. Das „Lektoriat“ präferiert „Soli“, toleriert aber „Solos“. Denn erstens klingt „Soli“ snobbish, zweitens denkt man da an den popeligen Soli-Zuschlag. In gesprochener Sprache sagt doch fast jeder „Solos“ und ein Blogpost ist doch mehr so was Gesprochenes, oder?

  9. Ja, „Soli“ hört sich genau so akademisch an wie „Espressi“ ;-) Man bestellt ja auch nicht drei Biere sondern drei Bier…

  10. Mit Biere meint man ja auch nicht 3 Bier(gläser) sondern drei Biersorten.

    Ich finde Kroken schöner als Krokusse und Kakteen schöner als Kaktusse.

    Der Plural von Mono ist übrigens Stereo, nicht Moni!

  11. Frage an den Glossisten: Stimmt es eigentlich, dass man ein einigermaßen schwuchtelig gespieltes Solo eine „Solette“ nennt?

  12. Nur auf französisch, eigentlich heißt es Sölchen.

    PS.: Ist der Plural von Spekulatius Spekulatii?

  13. @ Martin Schüller: Der Plural von Spekulatius lautet eindeutig Spekulanten. Nicht nur zur Weihnachtszeit…

  14. Für mich als sicherlich talentfreier Bassist ist es eine große Freude, dass das musikalisch eigentümliche Phänomen Basssolo Ursache für diese ganze Kommentare ist. Bei der ganzen Diskussion darf man aber eines nicht vergessen: Bassisten flirten nach dem Konzert am schnellsten mit den schönsten Frauen – viel eher als ihre Bandkollegen. Ob’s daran liegt, dass Pianisten immer mit dem Rücken zum Publikum spielen, Gitarristen und Bläser immer mit geschlossen Augen rumgniedeln und Drummer sowieso erst ihr Set abbauen müssen? Egal – mir ist eine hübsche Moni lieber als ein geschlechtsloses Stereo.

  15. Hallo Laurie,

    in meinem ersten Kommentar (Nr. 3) sagte ich ja bereit, daß ich Bass-Soli mindestens(!) so gerne habe wie die anderer Instrumente.

    Zum Thema Flirten: ist doch klar: Ihr steht die ganze Zeit da oben, umarmt einen Körper mit Rubens’schen Formen, und zupft und streichelt ihn. Das ganze auch noch mit verklärtem Gesichtsausdruck… Und der Körper gibt dabei keine schrillen, gequälten Töne von sich (Siehe Sax) sondern „maunzt“ eher ;-)

    Also wenn ich Frau wäre…

  16. … würde ich mir einen Bass zulegen ;-)

  17. Das Problem sind sicherlich die standardisierten Abläufe. Und Basssoli sind oft zu leise, klar. Aber Ermüdung mag man auch bei manchen (eigentlich vielen) Schlagzeugsoli verspüren, und auch andere Solisten mögen oft nur virtuos-routiniert wirken, ohne außer Phrasen was zu sagen haben. Die haben dann vielleicht eher das „Glück“, dass man nicht weghören kann.
    Übrigens: Ein Solo, aber zwei Soli, Herr Schüller!

  18. Ich möchte doch eine Lanze für das Basssolo brechen: Neben dem Getute, Geklimper und Getrommele der übrigen Solisten ist das ruhige Bassolo oft eine Wohltat, das sich wie eine Zäsur zwischen die Chorusse legt und einen Titel gliedert. (Natürlich nur, wenn das Solo auch gut ist.) In meiner Band teilen sich Gitarrist und Bassist oft ein Solo, wobei der Bassist meist den Mittelteil spielt. Das ist vielfach eine gute Lösung, um die Abfolge der Soli nicht zu lang werden zu lassen.

    Im übrigen: Bei den durchkomponierten Darbietungen einiger moderner Ensembles geht viel von der Lebendigkeit und Sponaneität des Jazz verloren, für den die Improvisation von den Ursprüngen an ein zentrales Element ist. Natürlich ist ein kompniertes Solo immer „betriebssicher“. Aber es kann auch von einem Musiker ohne Seele heruntergespielt werden, sofern er nur genügend gut vom Blatt spielen kann.

  19. etwas das wirklich frustrierend ist:
    ich bin bassist und mag basssoli nicht. gute erfahrung habe ich gemacht, als ich mit nem basssolo angefangen habe, und später das thema eingezählt habe. das ist eine reibungslose spannungssteigerung!
    außerdem eine bitte an alle harmonieinstrumente: ihr könntet ungemein dazu beitragen, dass basssoli nicht so langweilig sind: gebt dem bassisten einfach eine grundlage für sein solo, und hört nicht einfach auf zu spielen! ein saxsolo klingt auch nicht so toll, wenn alle bis auf das schlagzeug plötzlich aufhören..

  20. Den habe ich heute gehört, und finde der darf hier nicht fehlen:

    Ein Paar geht zur Partnerberatung, weil es sich nichts mehr zu sagen hat. Auch der Therapeut schafft es nicht, sie dazu zu bringen, miteinander zu reden. Schließlich steht er auf, holt einen Kontrabass aus dem Nebenzimmer und beginnt zu spielen.
    Nach wenigen Minuten beginnt das Paar seine Probleme zu diskutieren und sich auszusprechen. Am Ende sind sie glücklich miteinander wie in alten Zeiten.
    „Toll“, sagt die Frau, „Wie haben sie das geschafft? Was war das für ein Stück?“
    „Ach wissen Sie“, antwortet der Therapeut, „jeder redet während des Bass-Solos…“

  21. Ein großes Problem von Basssolos wurde noch gar nicht angesprochen: Die fehlende Begleitung. Denn kaum ist der Bassist an der Reihe, hören plötzlich alle auf zu spielen. Der Pianist legt vielleicht mal jeden achten Takt kurz einen Akkord hin und der Schlagzeuger spielt nur noch HiHat auf zwei und vier (oder noch schlimmer: Er nutzt den vermeintlichen Freiraum und fängt an rumzufuddeln). Klar, dass ein Bassist dann automatisch schlecht dasteht. Er hat weder harmonische und rhythmische Stütze. Müsste ein Bläser unter gleichen Bedingungen solieren, würde er ähnlich schlecht dastehen.

    Es ist auf jeden Fall (gerade bei spontanen Jam-Bands) eher selten, dass man als Bassist ordentlich begleitet wird. Und gegen mittellaute Harmonie-Begleitung kann man sich (vestärkt und in hohen Lagen) auch auf dem Bass gut durchsetzen (man höre z.B. mal Bill-Evans-Trio-CDs). Gut spielen muss man dann natürlich immer noch, um die Leute zu begeistern.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Abonnieren: Benachrichtigung bei neuen Kommentaren
oder ohne Kommentar abonnieren.