Gestorben: Sensational

Sensational 'Loaded with Power'Sensational „‘Loaded with Power“Der New Yorker Rapper und Beatmacher Sensational ist im Alter von 51 Jahren gestorben. Sein Producer und Kollaborateur Madteo meldete dies am 11. August auf seinem Instagram-Account. Sensational wurde 1974 als Colin Julius Bobb in Guyana geboren, kam im Jahr darauf mit seinen Eltern in die USA und wuchs im Stadtteil Crown Heights in Brooklyn auf. Unter dem Namen Torture wurde er von Afrika Baby Bam von den Jungle Brothers unter die Fittiche genommen und hatte noch als Teenager einen Debüt-Auftritt auf deren Single „Troopin‘ On The Downlow“, einer siebenminütigen Collage voller Tempowechsel und Free-Jazz-Samples. Das ganz in diesem Sinne produzierte Album „Crazy Widom Masters“, auf dem Tortures nasaler Röchel-Flow und seine ikonoklastische Beat-Ästhetik eine entscheidende Rolle spielten, wurde von ihrem entsetzten Label Warner in den Giftschrank gesperrt. Es gilt als verlorenes Meisterwerk, mit dem Rapmusik gewissermaßen den Sprung vom Hardbop zum Free-Jazz vollzog. Es wurde später in Teilen auf von Skiz Fernando auf dessen Vinyl-Label Black Hoods veröffentlicht.

Fernando gab auch dem nun unter dem Namen Sensational auftretenden Colin Bobb eine neue Labelheimat. „Loaded With Power“ erschein 1997 auf Word Sound und ist ein Klassiker des Lofi-Rap, der viel von dem vorwegnahm, was in den kommenden 20 Jahren im Underground passieren sollte. Produziert mit minimalem Equipment, und wie immer bei Sensationals Beats ohne Einsatz von Fremdsamples, stellt es die durch einen Kopfhörer aufgenommene Raspelstimme des Rappers in den Mittelpunkt, die scheinbar ständig um die Time herum zu torkeln scheint und dennoch immer auf den Punkt kommt. In Fernandos autofiktionalem Straßendrama „Crooked“ (2002) spielte Sensational quasi sich selbst. Dank seiner Fähigkeit, über jede Schallplatte zu rappen (selbst wenn sie von Stockhausen ist), wurde er zum gefragten Feature-Gast, speziell bei Künstlern und Projekten außerhalb der üblichen Rap-Zirkel. Zu seinen Kunden zählten unter anderem Elektroniker wie Kid 606 und Cardopusher, die Wiener Dub-Band Sofa Surfers, der japanische Producer Kouhei, der Brite Kevin Martin für sein (gleichfalls krachend gescheitertes) Major-Projekt Ice, aber auch der Producer Prince Paul, der ihn für seine „Handsome Boy Modelling School“ buchte. Alben unter eigenem Namen erschienen zum Beispiel beim belgischen Label Quatermass und auf Mike Pattons Ipecac-Label, sowie zwei Singles auf Matador.

Der erfolgreiche Lauf konnte aber nicht verhindern, dass Sensational sein Wohnstudio verlor, im neuen Domizil in den Projects an der Crackpfeife hängen blieb, sein Equipment verkaufte, die Sucht überwand und trotzdem auf der Straße landete. Mehrere Jahre war Sensational obdachlos und lebte vom Handverkauf seiner CDs, dessen Erlös er aber umgehend wieder vertrank. Tagsüber der Charme in Person, holte der Rausch seine dunkle Seite hervor. Es ist wohl seiner damaligen Freundin zu verdanken, dass er sein Leben wieder soweit stabilisiert bekam, dass er mit der Word-Sound-Clique auf Tour gehen konnte. Er hielt sich weiterhin mit Features und Kollaborationen über Wasser und schien sich zuletzt in einem Dauerzustand zwischen Welttournee und Couchsurfing zu befinden, ein Lebenswandel, der sich im fortgeschrittenen Alter schlicht nicht aufrechterhalten lässt. Nun verstummte viel zu früh eine der freiesten Stimmen des Rap. Seine alte Crew, die Jungle Brothers, verabschiedeten ihn auf Social Media mit den Worten: „Rest in Peace rapper Sensational, aka Torture, aka Torch … Given name Colin J. Bobb… 101% original… It was a pleasure to work and tour with him briefly. Many laughs. The King of random, a chaotic epicentre.“ Die Dokumentation „The Rise and Fall and Rise of Sensational“, die Sensational durch gute und schwierige Zeiten begleitete, ist auf Youtube abrufbar.

Weiterführende LInks
„The Rise and Fall and Rise of Sensational“

Text
Eric Mandel

Veröffentlicht am unter News