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Ganna

Ein krasses Puzzle

Die Band heißt wie die Sängerin. Aber Ganna Gryniva ist eben nicht „nur“ die Sängerin, sondern sie hat auch sämtliche Songs auf dem Debütalbum „Dykyi Lys“ (Double Moon/in-akustik) – das bedeutet in etwa „Wilder Fuchs“ – komponiert oder arrangiert. In der 84. Folge der „Jazz thing Next Generation“-Reihe ist sie damit eine weitere ganz starke Stimme. Das Quintett Ganna hat sich in Berlin formiert.

Ganna – Dykyi Lis (Cover)

„Ich fing irgendwann an, eigene Stücke zu schreiben und sie im Duo mit dem Pianisten Povel Widestrand zu spielen“, erzählt Ganna. „Dann haben wir uns immer weiter vergrößert, wobei ich immer versucht habe, meine musikalischen Ziele mit den Charakteren der Musiker zu verbinden – wie bei einem Puzzle, wo sich die einzelnen Teile miteinander ergänzen. Dabei spielt jeder seine eigene wichtige Rolle in der Band. Schlagzeuger Mathias Ruppnig und Bassist Tom Berkmann sind total aufeinander eingespielt, die haben auch noch ein eigenes Projekt zusammen. Sie sind ein gutes Fundament für die Band. Povel ist ein einfühlsamer und sehr aufmerksamer Begleiter. Man kann sich immer auf ihn verlassen, und gleichzeitig ist er sehr kreativ und virtuos.“

Wer mitgezählt hat, wird gemerkt haben, dass noch ein Musiker fehlt, um das Quintett komplett zu machen: Es handelt sich um den Tenorsaxofonisten Musina Ebobissé, der vor einem Jahr mit seiner eigenen Band in der „Jazz thing Next Generation“-Reihe debütierte.

„Musina ist als Letzter dazugestoßen“, bestätigt die Sängerin. „Irgendwann dachte ich, dass ich eine weitere Stimme für die Band brauche, habe dabei aber eher an eine Gitarre gedacht. Zufällig sah ich ihn dann auf einem Konzert, bei dem er ein Solo gespielt hat, das mich völlig umgehauen hat. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt, ich war völlig erschlagen. Ich weiß noch, wie ich mich umgedreht habe, um zu überprüfen, ob es anderen genauso ging – das war eine total körperliche Erfahrung. Dann habe ich ihm genau das geschrieben, und er ist auch in die Band eingestiegen.“

Ganna Gryniva ist in einem kleinen Dorf in der Ukraine geboren worden, in dem sie auch ihre Kindheit verbracht hat. Als Teenagerin ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gezogen. An ihrem Berufswunsch hat das zunächst nichts geändert.

„Ich habe schon immer gesungen, und bereits als kleines Kind war mir klar, dass ich Sängerin werden würde“, erzählt sie. „Der Umzug nach Deutschland war dann ein großer Umbruch für mich, und ich habe mich erst einmal auf andere Dinge konzentriert. Nach einer Zeit, in der ich für eine Zeitung geschrieben habe, merkte ich aber, dass Musik das Einzige ist, was ich wirklich machen muss.“

Auch für Jazz hat sie sich eigentlich schon immer interessiert, ein Erweckungserlebnis besonderer Art gab es dann allerdings doch.

Ganna Gryniva

„Was mich total umgehauen hat, war eine Aufnahme von Ella Fitzgerald, wo sie ‚Just One Of Those Things‘ gesungen hat“, erinnert Ganna sich. „Ich fand das so krass, was eine Sängerin wie sie mit ihrer Stimme machen kann. Dabei hat sie nicht einmal improvisiert, sondern einfach nur die Melodie gesungen – aber auf so eine virtuose Art und Weise, dass man gefühlt hat, wie verbunden sie mit der Musik ist.“

Die neun Songs auf „Dykyi Lys“ werden dabei sowohl von ihrer kräftigen und gleichzeitig sehr wandlungsfähigen Stimme getragen als auch von der Fähigkeit ihrer Band, jedem Lied sein ureigenes Gewand angedeihen zu lassen. Ganna Gryniva schreibt eigene Texte – und zwar auf Englisch und Ukrainisch –, benutzt aber auch gerne literarische Vorlagen, sei es aus der ukrainischen Folklore, sei es ein Gedicht der Dichterin Lesya Ukrainka aus dem 19. Jahrhundert oder eines der zeitgenössischen Poetin Nadiia Telenchuk.

„Rika“ stammt gar aus der Feder ihres Vaters. Diese Seite ihres Vaters war der Sängerin gar nicht bewusst, als sie ihn fragte, ob er ihr irgendwelche Gedichte als Songtexte empfehlen könne. Er gab ihr sein eigenes – „Rika“ bedeutet „Fluss“ –, das er einst am Strand der Saale geschrieben hatte, als er gerade erst mit vier Töchtern nach Deutschland gekommen war.

Neben dem musikalischen Ausdruck – Ganna Gryniva hat unter anderen bei Michael Schiefel studiert – sind ihr die Inhalte ihrer Songs besonders wichtig, weshalb sich im Booklet der CD Songtexte und kurze Erläuterungen befinden: eine Praxis, die sie auch auf der Bühne beibehält.

„Ich versuche immer, die Geschichte hinter dem jeweiligen Song zu erzählen“, sagt die Sängerin, „damit die Leute nicht völlig orientierungslos in die Musik eintauchen müssen. Es ist mir schon wichtig, dass man die Songs versteht.“

Jazz thing präsentiert
Ganna
18.09. Zaporizhzhya/UA, Jazz Festival
15.10. Berlin, A-Trane
17.11. Lübeck, CVJM
19.11. Tallin/EE, Philly Joe’s
20.11. Vilnius/LT, Jazz Cellar 11
25.02. Berlin, Konzerthaus
08.05. X Jazz Festival Berlin

Booking MaWeMarketing | Martina Weinmar

Text
Rolf Thomas

Veröffentlicht am unter 135, Heft, Live things, Next Generation