Alexander Rueß

Landschaft und Erinnerung

Gezupfte Melodielinien, komplexe Akkordstrukturen und sich weit ausbreitende rhythmische Texturen: So beginnt das Album „Debut“ des Gitarristen und Komponisten Alexander Rueß, das im Rahmen der Reihe „Jazz thing Next Generation“ (Double Moon Records/Bertus) erscheint. Der Titel markiert selbst einen Anfang, als Einführung und Sichvorstellen, als „Debut“. Die sehr persönlichen Stücke des 28-Jährigen entfalten sich mit großer Ruhe und fein verzweigten Klangstrukturen.

Alexander Rueß – Debut (Jazz thing Next Generation Vol. 112, Cover)

„Debut“ ist ein musikalisches Porträt von Alexander Rueß‘ Erinnerungen an Orte, Landschaften, Musik und Menschen, die ihn begleitet haben.

„Mir war es einfach wichtig, ein Album zu machen, das widerspiegelt, was ich fühle, und persönliche Geschichten erzählt.“

Die Songs entstanden auf seiner Akustikgitarre bei ihm zu Hause. „Für mich haben alle diese Stücke auch etwas Gesangliches, obwohl es ein Instrumentalalbum ist“, so Rueß. Entstanden ist eine Sammlung von Stücken, die er teilweise schon während seines Studiums schrieb und für sein 2023 gegründetes Trio neu arrangierte, mit Sebastian Merk am Schlagzeug, den er seit der Zeit kennt, als er bei ihm in Dresden studierte, und Luca Curcio, dem er in seinem Erasmus-Jahr an der Musikhochschule in Kopenhagen begegnete.

Die behutsame rhythmische Intensität von Bass und Schlagzeug entwickelt auf „Debut“ eine musikalische Weite, über die sich die Gitarrenmelodie legt wie eine Erzählung von Tiefe und Verbundenheit. „Das Bild von der See und der Landschaft der Küste ist immer präsent“, so Rueß. Mit Dänemark ist er seit seiner Kindheit verbunden. Durch Reisen mit der Familie, sein Studium in Kopenhagen und die Verbindung mit der Szene dort mittlerweile spricht er auch selbst Dänisch.

Geboren 1998 in Neuss, wächst Rueß in Ostholstein an der Ostsee auf, begleitet vom Geräusch von Wellen und Wind. „In meinem Elternhaus liefen Soul und Jazz. Zuerst spielte ich in der Schule in einer Rockband. Ein Schlüsselmoment war dann ein Vimeo-Video von Miles Davis‘ „Milestones‘. Es war für mich unfassbar, wie viel Energie von dieser Musik kam. Da war mir klar, dass es das ist, was ich möchte, und dass da irgendwas brennt in mir.“ Bereits als Jugendlicher studiert er an der Musikhochschule Lübeck und anschließend in Dresden sowie am Jazzinstitut Berlin, wo er 2018 sein Quintett Manko gründet, zudem verbringt er ein Erasmus-Jahr in Kopenhagen.

Alexander Rueß (Foto: Christoph Bombart)

Sein Trio ist ein kammermusikalisch intimes Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug – wie in „Opa“, das seinem Großvater väterlicherseits gewidmet ist, der ihn auf seinem Weg, Musiker zu werden, immer unterstützt hat. Die Melodielinie der Gitarre entwickelt sich mit einer behutsamen Zärtlichkeit, die von einer sanft dazukommenden Posaunenstimme begleitet wird, gespielt von Nils Landgren, den Rueß schon seit der Schulzeit kennt. „Meine Eltern hatten einige Platten von ihm, die ich schon als Kind gehört habe. Als ich als Elfjähriger mit der Schulbigband spielte, war er Gastsolist. Er kam danach auf mich zu und sagte: „Keep going‘. Die Idee, dass er auf diesem Song spielt, entstand vor dem Hintergrund, dass dieser Song für mich mit meiner Heimat zu tun hat, mit der er auch durch sein Festival Jazz Baltica verbunden ist.“ Landgren war einverstanden und spielte seine Tonspur dazu dann in Malmö ein.

Bei dem Stück „Church Street Blues“ spielt Rueß ein Bluegrass-inspiriertes Solo, das auf die großen Gitarristen wie Bill Frisell, Ralph Towner und Julian Lage verweist, die ihn motiviert haben. „Cornflower“ ist seinem Großvater mütterlicherseits gewidmet – und dem Blau von dessen Lieblingsblume, das Rueß als Klang hört. „Ich habe diese Synästhesie, die klingt bei mir immer mit. Daher habe ich zu jedem dieser Stücke ganz genaue Farben, die ich vor meinem inneren Auge sehe.

Das Album endet mit „Sadness Is The Gladdest Way To Feel“ von Jakob Bro. Dazu Rueß: „Das Stück ist nur auf seiner Homepage veröffentlicht. Während des ersten Corona-Lockdowns habe ich es transkribiert und ihn gefragt, ob ich es für das Album aufnehmen darf. Für mich ist es etwas Nordisches und Wehmütiges, das da mitklingt. Intensive Gefühle wie Trauer oder Freude fühle ich am selben Ort im Körper. Ich denke, dass er das auch so gespürt haben muss, als er diesen Titel gewählt hat.“ Und welche Farben sieht er bei diesem Stück? „Das Stück kann sich nicht so ganz einig werden, weil es ja beides hat. Deswegen passt der Titel auch so gut. Es hat etwas sehr Melancholisches, aber auch etwas unglaublich Lebensfrohes und Zelebrierendes, wie eine Hymne.“

Jazz thing präsentiert
Alexander Rueß
23.05. Dresden, Blue Note
28.05. Berlin, A-Trane
06.06. Düsseldorf, Lovebird Festival
12.06. Ilmenau, Jazzclub
20.06. Schaalsee, Gut Groß Zecher
06.11. Lübeck, Live CV
09.11. Abensberg, Jazzclub
10.12. Hamburg, Kulturcafé Elbphilharmonie

Booking MaWeMarketing | Martina Weinmar

Text
Maxi Broecking
Foto
Christoph Bombart

Veröffentlicht am unter 163, Heft, Live things, Next Generation

Theaterhaus Jazztage 2026