Film-Doku: Jutta Hipp

Jutta HippJutta HippAls Jutta Hipp 1946 ihre Geburtsstadt Leipzig verließ, besaß sie als Pianistin bereits viele der spielerischen Merkmale, die später ihr Markenzeichen werden sollten: einen delikaten Anschlag sowie ein untrügliches Gespür für raffinierte melodische Wendungen und subtile harmonische Prozesse. In den ersten Jahren der 1950er verfeinerte sie diese Merkmale im Quintett des Tenorsaxofonisten Hans Koller, das damals einen „deutschen“ Cool Jazz auf den Weg brachte. Aber Cool Jazz war Hipps Sache nicht. Viel lieber wollte sie Jazz mit dem swingenden Drive eines Fats Waller spielen. Aber dann entwickelte sie doch in der Koller-Band ihren Personalstil: ein polyphones Improvisieren auf dem Klavier, das Erinnerungen weckt an Bach’sche Fugen.

1954 machte ihr der Produzent und Journalist Leonard Feather nach einem Konzert in Duisburg das Angebot, nach New York zu gehen. Ein Jahr später lief der Dampfer mit Hipp an Bord im Hafen von Manhattan ein. Gleich nach ihrer Ankunft hörte sie im Café Bohemia das Konzert mit Art Blakey & The Jazz Messengers (den Mitschnitt veröffentlichte Blue Note 1956) – mit Horace Silver am Piano. Dessen erdig-bluesgefärbtes, rhythmisch so prägnantes Spiel faszinierte Hipp sofort. Kurz darauf wurde ihr ein mehrmonatiges Engagement im Hickory House in Aussicht gestellt. Blue Note nahm dort dann insgesamt 20 Titel mit dem Trio der Pianistin auf. Mit den beiden LPs „Jutta Hipp At The Hickory House“ wurde sie daraufhin „offiziell“ erste Jazzmusikerin aus Europa bei Blue Note.

Aller Erfolge zum Trotz hatte Hipp mehr und mehr Probleme. So verweigerte sie sich den Marketing-Mechanismen, wie sie Blue Note von ihr forderte, auch spielte sie keine Stücke ihres Mentors Feathers. Selbstzweifel und Lampenfieber versuchte sie mit Alkohol zu bekämpfen, und nach dem halben Jahr im Hickory House bekam sie keine weiteren, festen Engagements. Ein befreundeter Anwalt riet ihr zu einem richtigen Job, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben. Sie begann, als Näherin in einer Kleiderfabrik im New Yorker Stadtteil Queens zu arbeiten. Ab 1960 rührte Hipp bis zu ihrem Tod 2003 nie mehr wieder ein Klavier an.

Diese teils tragische Lebensgeschichte hat die Regisseurin Anna Schmidt für ihre Film-Doku „Being Hipp – First Lady Of European Jazz“ in 55 Minuten zusammengefasst. Doch viel interessanter als das Erzählen der jeweiligen Stationen der Vita dieser Pianistin sind die Interviews, die Schmidt geführt hat – mit dem Hornisten und Komponisten David Amram zum Beispiel, der Hipp während seiner Jahre in Frankfurt in den 1950ern persönlich kennengelernt hatte, oder mit der Jazzforscherin und Quincy-Jones-Professorin Ingrid Monson, die das Werk dieser Pianistin auch historisch einzuordnen weiß. Gesprochen hat sie auch mit der Saxofonistin und Hipp-Biografin Ilona Haberkamp und ihrer Tochter, der Pianistin Clara, die im Film als kongeniale Interpretin einiger Hipp-Stücke zu hören ist. In den 1980er-Jahren hatte sich Ilona Haberkamp auf die Suche nach Hipp gemacht, die sie dann in Queens traf und dort mehrmals sprach. Einige ihrer Gespräche hat sie Schmidt für deren Doku überlassen; die O-Töne daraus geben dem Film nun Authentizität und Lebendigkeit. Auf den Leipziger Jazztagen im vergangenen Oktober wurde „Being Hipp – First Lady Of European Jazz“ uraufgeführt. Am 25. Januar um 23.50 Uhr läuft diese Doku auf ARTE, ab 23. Januar ist sie in der Mediathek zu sehen.

Weiterführende Links
„Being Hipp – First Lady Of European Jazz“

Text
Martin Laurentius
Foto
Jazzinstitut Darmstadt

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