Bezau Beatz 2020

RIP: Ennio Morricone

Ennio MorriconeEnnio MorriconeAuch wenn man es im Kino sitzend gar nicht bemerkt, so ist die 13-minütige Einleitung zum Sergio-Leone-Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Original: „C‘era una volta il West“; englischer Titel: „Once Upon A Time In The West“) auch musikalisch eine Einleitung – ohne dass jedoch in den 13 Minuten ein Ton erklingt. Ennio Morricone hat diese Szene mit Geräuschen unterlegt. Drei Männer stehen in langen Mänteln an einem Bahnhof irgendwo im Nirgendwo, jedem der drei wird ein Geräusch zugeordnet: Wassertropfen, die auf die Hutkrempe klopfen, das Knacken von Fingerknöchel, das laute Summen einer Fliege. Unterlegt wird diese Geräuschkulisse durch das Quietschen eines Windrades.

Mit Nahaufnahmen der Gesichter und überraschenden Schnitten entwickeln diese 13 Minuten eine Spannung, die durch die schnaufende, quietschende Einfahrt eines Zuges aufgelöst wird: Erst jetzt hört man leise die enigmatische Melodie einer Mundharmonika, die das „Lied vom Tod“ spielt – und schaut in die Augen des Mannes, dem dieses Lied zugeschrieben ist und der in den 168 Minuten dieses „Spaghetti-Westerns“ nur Mundharmonika heißen wird – und der die drei wartenden Männer gerade erschossen hat.

Bereits die Entstehung dieses Soundtracks für diesen Westernklassiker war besonders. Der italienische Regisseur Leone ließ seinen Schulfreund Morricone die Musik dazu schreiben, bevor überhaupt eine Szene gedreht worden ist. Das führte dazu, dass Morricone dem Film eine weitere Deutungsebenen öffnete. Jede der vier Hauptfiguren – Mundharmonika, gespielt von Charles Bronson, Frank, gespielt von Henry Fonda, Jill McBain, gespielt von Claudia Cardinale, Cheyenne, gespielt von Jason Robards – bekam ein eigenes Thema. Dieses musikalische Szenario war der Ausgang für eine fast opernhafte Durchführung, die in ein rauschhaftes, bild- und musikgewaltiges Finale mündete. Nicht nur für die Zeit vor 50 Jahren war dieser Art, einen Soundtrack zu inszenieren, außergewöhnlich: So eine Musik für einen Film konnte nur Morricone schreiben; diese Art war sein Markenzeichen.

Studiert hatte der 1928 in Rom geborene Morricone Trompete und Komposition. Er beschäftigte sich schon früh mit Kompositionstechniken der musikalischen Avantgarde und besuchte zum Beispiel 1958 die „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ in Darmstadt. Gleichzeitig komponierte und arrangierte er aber auch für italienische Schlagersänger*innen – teilweise unter Pseudonym. 1961 begann er, als Filmmusikkomponist zu arbeiten. 1964 holte ihn zum ersten Mal Leone in sein Team – für den Soundtrack von „Für eine Handvoll Dollar“ mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden sollte bis zum Tod Leones 1989 Bestand haben – und zeitigte zumeist außergewöhnliche, ästhetische Ergebnisse.

Der Jazz blieb Morricone zeitlebens wesensfremd. Zwar experimentierte er als Komponist schon früh in seiner Karriere mit der musikalischen Improvisation, auch in seinen Orchestern, mit denen er die Filmmusiken einspielte, saßen oftmals Jazzmusiker (beispielsweise der Pianist Enrico Pieranunzi), zudem waren Elemente aus der Gattung Jazz durchaus auch im Fundus für seine Soundtrack-Kompositionen. Doch anders als im Jazz war es stets Morricones Anliegen, seine Musik zu strukturieren und zu fixieren, ihr durch seine Art zu komponieren Form und Gestalt zu geben.

Auch lebte und arbeitete er äußerst strikt: Tagtäglich stand er um 4:30 Uhr auf und ging um 21:30 Uhr zu Bett. Wohl nur so ließ sich sein immenses Arbeitspensum erklären: Zeitweise arbeitete er im Jahr an 20 Filmmusiken gleichzeitig, insgesamt gehen mehr als 500 Soundtracks auf sein Konto. Obwohl Morricone als Soundtrack-Komponist geradezu stilbildend war, mit einem „Oscar“ wurde er erst spät geehrt: 2007 mit einem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk, 2016 dann mit einem „richtigen“ für die Musik von „The Hateful Eight“. Am 6. Juli ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren in Rom gestorben. Text Martin Laurentius

Weiterführende Links
Ennio Morricone

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Creative Commons/Georges Biard

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