Theo JörgensmannTheo JörgensmannSeit gut 20 Jahren lebt Theo Jörgensmann in der Abgeschiedenheit Mecklenburg-Vorpommerns, in einem Örtchen mit Namen Brüel. „Die Familie meiner Mutter kommt aus Ostpreußen“, erzählt der Klarinettist, der am 29. September 1948 in Bottrop im Ruhrgebiet geboren wurde. „Nach dem Krieg saßen die ostpreußischen Verwandten oft in unserer Küche und unterhielten sich über ihre Heimat: wie toll dort das Leben und die Landschaft waren.“ Noch zu DDR-Zeiten trat Jörgensmann oft mit unterschiedlichen Bands in Ostdeutschland auf – natürlich auch in Mecklenburg-Vorpommern. Als er die weite Landschaft sah, wurden sofort Erinnerungen wach – an die Stunden mit den Geschichten in der Bottroper Familienküche. Nach dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung 1990 stand für Jörgensmann fest: Er will nach Mecklenburg-Vorpommern umziehen – was er 1997 in die Tat umgesetzt hat.

Jörgensmann ist auf der Klarinette Autodidakt. Zwar hatte er eine Weile lang Ende der 1960er- und Anfang der 1970er Unterricht bei einem Dozenten der Folkwang Hochschule Essen. Doch bevor er 1975 Berufsmusiker wurde, hatte er noch ein Studium der Sozialpädagogik begonnen. „Ich war wahrscheinlich der erste professionelle Jazzmusiker des Ruhrgebiets “, erzählt Jörgensmann. „Es gab damals keine Szene im Ruhrgebiet. Der erste Club, das Domicil, ist in Dortmund Ende der 1960er-Jahre gegründet worden. Es gab also gar keine Spielmöglichkeiten dort. Bis Ende der 1970er-Jahre musste man raus, um zu spielen – zumeist nach Süddeutschland.“ Dem Zeitgeist dieses Jahrzehnts geschuldet, war er oft mit Jazz-Rock-Bands zu hören – zumeist auf einer elektrisch verstärkten Klarinette. Später öffnete er sich einer auch tonal freien Improvisationsmusik – etwa als Klarinettist im Grubenklangorchester um Georg Graewe oder in Projekten zum Beispiel mit Eckard Koltermann. Zudem arbeitete er schon damals gerne interdisziplinär mit Dichtern und Autoren und ab 1982 konzipierte und moderierte Jörgensmann zehn Jahre lang Jazzsendungen für den Westdeutschen Rundfunk.

1991 erschien seine mit dem Journalisten Rolf-Dieter Weyer geschriebene „Kleine Ethik der Improvisation“. „Ich bin überzeugt, dass die improvisierte Musik die Musik der Zukunft wird, weil sie eine unglaubliche gesellschaftliche Relevanz hat“, ist Jörgensmann überzeugt. „Im Moment sind andere Musiken wichtiger, die sich nach einem hierarchischem Konzept strukturieren – wie zum Beispiel die klassische Musik mit einem Komponisten, einem Dirigenten und den Interpreten. In der improvisierten Musik ist das der Musiker alles zusammen.“ Eine Woche nach seinem 70. Geburtstag wird der Klarinettist mit dem „Jazz Pott“ ausgezeichnet. Im Mittelpunkt seines Preisträgerkonzerts am 6. Oktober im Essener Grillo-Theater steht sein Quartett mit Christopher Dell (Vibrafon), Christian Ramond (Bass) und Klaus Kugel (Schlagzeug), im Laufe des Abends betreten dann weitere Freunde und Weggefährten die Bühne: Koltermann (Bassklarinette), Lennart Allkemper (Tenorsaxofon), Albrecht Maurer (Geige) und Evert Brettschneider (Gitarre).

Weiterführende Links
„Jazz Pott“

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Heinrich Brinkmöller-Becker

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