Zum Tode von Muhal Richard AbramsMuhal Richard AbramsChicago, Anfang der 1960er-Jahre: Jeden Samstag trifft sich unter der Leitung von Muhal Richard Abrams, 1930 in der „Windy City“ geboren, in ständig wechselnden Formationen die sogenannte Experimental Band und probt Material, das Abrams und die anderen Musiker mitbringen. Standards sind ebenso verpönt wie vorgefertigte Phrasen, aus denen damals viele Mainstream-Jazzer ihre Soli gestrickt haben. Es geht ums Lernen, um Erfahrung machen, um Neues sammeln – und natürlich um Kreativität. Abrams hat keine akademische Musikausbildung. Stattdessen transkribiert und analysiert der Pianist alles, was er in den unzähligen Nächten auf den Jam-Sessions im Cotton Club seiner Heimatstadt gehört hat, und komplettiert sein Rüstzeug im Selbststudium, wenn er Bücher des Musiktheoretikers Joseph Schillinger liest, der eine mathematisch gestützte Kompositionslehre entwickelt hatte: mit Raum für tonale und atonale Experimente, für harmonische und disharmonische Wendungen. Abrams hat schon bald den Ruf weg, ein spannender, neugieriger Komponist und Arrangeur zu sein. Und mehr noch: Mit seinem autodidaktisch angeeigneten Wissen und seiner Experimental Band gleichsam als Vorläufer gehört er 1965 zu den Gründer-Vätern der Chicagoer „Association for the Advancement of Creative Musicians“ (AACM) und wird zu dem Ideen- und Impulsgeber, der viele der AACM-Mitglieder überhaupt erst auf die Spur ihrer selbst bestimmten Musik setzt.

Abrams ist zeitlebens ein eher leiser Mensch geblieben, der sein eigenes Schaffen als Pianist und Komponist der jazzmusikalischen Avantgarde lieber reflektiert als selbst lautstark in den Mittelpunkt zu drängen. Mitte der 1970er-Jahre hat er zu den AACM-Musikern gehört, die nach New York umgezogen sind, wo sie eine Depandance ihrer Chicagoer Initiative eröffnet haben. Zu der Zeit hat Abrams auch auf dem italienischen Jazzlabel Black Saint eine ganze Reihe von Platten in verschiedenen Besetzungen veröffentlicht, die seinen kreativen Kosmos wiederspiegeln und in denen er verschiedene Strömungen afroamerikanischer Musik verarbeitet. Darüber hinaus ist er oft als Gastsolist zu hören: nicht nur in AACM-Bands wie dem Art Ensemble Of Chicago, sondern zum Beispiel auch in den Bands von Eddie Harris oder Woody Shaw. Zudem komponiert er zahlreiche Werke, die von namhaften Sinfonieorchestern und Kammermusikensembles uraufgeführt werden. 1990 ist er der erste Gewinner des dänischen „Jazzpar“-Preises, 2010 wird er „NEA Jazz Fellow“ der amerikanischen Stiftung „National Endowment For The Arts“. Am 29. Oktober ist Muhal Richard Abrams im Alter von 87 Jahren in New York gestorben.

Weiterführende Links
Muhal Richard Abrams

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Arne Reimer

Veröffentlicht am unter News

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