Zum Tode von John TaylorJohn TaylorDas Trio Azimuth war von 1977 bis 2000 überaus erfolgreich. Nicht nur, weil die drei Protagonisten, Trompeter und Flügelhornist Kenny Wheeler, Pianist John Taylor und Sängerin Norma Winston, einen für die damalige Zeit beliebten, ruhig dahinfließenden Kammer-Jazz spielten. Vielmehr haben die drei im Zusammenspiel zu einer Freiheit gefunden, die weit über das Musikalische hinausging. Azimuth wurde zum Refugium für Wheeler, Taylor und Winstone, in dem sie sich befreit von Zwängen jeder Art austauschen konnten. Das war wohl das Geheimnis für den Erfolg dieses Trios. Ohne Rücksicht auf Konventionen warfen sie ihre Persönlichkeiten in die Waagschale, um mit einer Improvisationsmusik zu experimentieren, die auch und gerade wegen ihrer differenzierten Dynamik waghalsig klang und stets wagemutig den „Fehler“ als Impuls für etwas Neues zuließ. Eine Musik also, die erst durch den unbedingten Gestaltungswillen der drei Protagonisten „echt“ und „wahrhaftig“ wurde.

Oft wurde dem 1942 im englischen Manchester geborenen Pianisten Taylor das Attribut „europäisch“ angehängt. Auf den ersten Blick mag das richtig sein. Seine diffizile Anschlagskultur prägte sein Spiel auf dem Flügel und sorgte für die expressive Lyrik seiner stets so melodisch klingenden Jazzmusik. Doch Taylors eigener Blick war breiter: Auf der Basis der Spätromantik übertrug er die Innerlichkeit eines Bill Evans in seine eigene Sprache, der emotionale „Cry“ des amerikanischen Free Jazz und die brachiale Radikalität der frei improvisierten Musik Europas wurden für ihn Auslöser, um funktionsharmonische Beschränkungen abzuwerfen und eine offene, flexibel handhabende Harmonik und Melodik zu entwickeln. Diese Eigenschaften wurden die Markenzeichen seines Personalstils, den er ad hoc in jedes musikalische Setting einzubringen verstand.

Und Taylor war ein herausragender Pädagoge. Durch seine humorvolle Menschlichkeit und sein untrügliches Gespür, das Talent eines jungen Pianisten zu erkennen und zu fördern, war er prädestiniert, als Professor für Jazz-Piano an der Jazzabteilung der Hochschule für Musik und Tanz Köln gleichsam eine eigene Schule junger Pianisten zu gründen: Hubert Nuss gehörte ebenso zu seinen Studenten wie Florian Ross oder Pablo Held. „Mit ihm zusammen an zwei Flügeln im Raum 335 zu musizieren, gehört zu den bedeutendsten musikalischen Erfahrungen, die ich haben durfte“, schreibt Held in Erinnerung an seine Studienjahre, in denen er von Taylor unterrichtet wurde. „Oft wählte er Stücke seiner musikalischen Partner aus. Ihm dabei nicht nur auf die Finger schauen zu können, sondern auch noch mit ihm zusammenzuspielen, zu interagieren, seinen wunderschönen Sound so unglaublich nah hören zu können, war jedes Mal ein Genuss und unglaublich lehrreich.“ Am 17. Juli 2015 hatte John Taylor während eines Auftritts beim Saveurs Jazz Festival im französischen Segré (Maine-et-Loire) einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er kurz darauf starb.

Weiterführende Links:
John Taylor

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Creative Commons/Richard Kaby

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