Dieter Ilgs Überlebensmittel

Frühling is in the air… Ostern. Glocken allerorten. Thank you!

Jedes Fest hat seine Bräuche, auch kulinarisch. Und so stehen in der zweiten Folge von Dieter Ilgs Kolumne österliche „Überlebensmittel“ wie Eier und Lämmer in verschiedensten Darreichungsformen auf dem Speiseplan – natürlich nur aus „tiergerechter Haltung“.

Osterglocke (Grafik: Swantje Hinrichsen)Die Headline klingt fast nach Lautsprecherdurchsage der Deutschen Bahn. Ich bin doch immer wieder bass erstaunt, dass sich so viele Zeitgenossen über die englische Aussprache deutscher Zugbegleiter aufregen können. Dabei wäre es weitaus wichtiger, weitsichtiger und von größerer Relevanz, sich über Unpünktlichkeit der Züge, Streckenstilllegungen, verloderte Waggons, Bahnreform oder über das Immobilienprojekt Stuttgart 21 mit all seinen negativen Auswirkungen zu echauffieren.

Dazu setzt es allerdings informierte und kritikfähige Erdenbürger voraus. Und wer nicht differenziert, ins Kleingedruckte schaut oder gar keine Fragen stellt, weder sich noch anderen, gackert zumeist mit der Meute. In Käfighaltung. Wiesenhof ade.

Der über die Wiese hoppelnde Osterhase wiederum hat Angst um seine Eier. Die der Hühner. Angst, dass die wertvollen Eiweißträger verloren gehen oder beschädigt werden. (Ein Rezept für verlorene Eier finden Sie unten.)

Apropos Ostereier. Seit Januar schon hartgekocht. Auf diversen Theken in Bäcker- und Metzgereigeschäften ausfindig gemacht bzw. ungläubig – im wahrsten Sinne des Wortes – entdeckt. Ostereier, bunt bemalt. Vor Fasching. Die spinnen, die Germanen. Nun, worüber mache ich mir unnötig Gedanken. Es gibt in den allermeisten Supermärkten des christlichen Universums bereits Lebkuchen und Weihnachtsmänner in endschlabbrigen Augusttagen. Nein, keine Überbleibsel vom Vorjahr, sondern Vorboten des Kaufdrucks für das weite Weihnachten und die ach so entbehrungsfreie Vorweihnachtszeit …

Milchlamm, Zicklein, Stubenküken, Kalb, Fohlen etc. Sind wir Menschen Kinderesser? Nun, bevor das Ei des Huhns zum Küken wird, essen wir es auf, verarbeiten es in Kuchen und Plätzchen, goutieren die Eierstockgabe in unzähligen Variationen der Speisezubereitung. Als Eierstich in der Suppe oder als Eierlikör im Zug. Als österliche Spezialität im schweizerischen Zug – die Eidgenossen haben immer noch einen erheblichen Qualitätsvorsprung im Bahnwesen – vielleicht ein paar schokoladige Glocken der Konditorei Speck?

Und in Anlehnung an die geliebte Deutsche Bahn, die ihren Kunden in der 1. Klasse Minibeutel industrieller Gummibärchenproduktion im Wert von höchstens 0,5 Cent pro Packung stolz als „Geschenk des Hauses“ anbieten lässt, wäre ein „Gruss aus Zug“ in Form edlen Konfekts ein Hit und den überirdischen Normalpreisen dieses Transportanbieters angemessen.

Gewissermaßen „mit Speck fängt man Mäuse“.

Katzen lieben Mäuse, zum Spielen, wie zum Fressen gern. Kennen Sie Katzenzungen? Ein beliebtes Geschenk oder Mitbringsel aus vergangenen Tagen. Mundet heute noch. Aus Vollmilchcouverture edelster Art, zum Beispiel aus dem naschkatzenfreundlichen Wien: meinlamgraben.at

Hm, meinlamgraben.at? Meinlammgraben? Nein, mein Lammbraten. Oder: Der Zug hat die Kurve gekriegt. Falls der Autor ein Zug wäre. Ist er aber nicht.

Was ist Ihre Lieblingsosterspeise? Etwa Milchlammbraten? Doch keine Lust auf erwachsene Tiere aus tiergerechter Haltung? Nun, falls Sie sich nicht entscheiden können, wie wäre es mit einem Osterlamm aus einer nahe gelegenen Bäckerei oder Konditorei? Dort können Sie zumindest fragen, was drin ist. Falls man Ihnen das mitteilt. So ganz genau wissen viele Bäcker nicht mehr, was sie da anrühren. Aber es soll noch einige geben, die es genau wissen.

Jemand, der es weiß, ist Meister Günter Friedrich in seiner Bäckerei, Postgasse 4, in 82418 Murnau am Staffelsee, Telefon: +49-8841-8801.

Oder Sie backen sich Ihr Ostergebäck selbst. Wenn Sie ganz ausgebufft sind, bringen Sie Ihr Osterlamm oder Ihren Hefeteighasen auf die jazzahead! Ende April nach Bremen. Ich würde mich nicht wehren, sie dort zu verzehren!

Rezept

Verlorene Eier, auch für menschengerechte, nicht vegane, aber zumindest ovo-vegetarische Jazzmusiker/-innenhaltung: siedendes Salzwasser, Schuss Essig, frische Eier (d.h. mit festem Eigelb) aus tiergerechter Hühnerhaltung. Etwas Salz (bitte kein Salz mit chemischen Rieselhilfen) in das siedende Wasser schütten. Dann einen kleinen Schuss Essig dazu. Nun ein Ei nach dem anderen in ein kleines Schälchen oder in eine Schöpfkelle füllen und in kurzen Abständen von ca. 10 Sekunden in das siedende (nicht kochende) Salzwasser geben. Etwa drei bis vier Minuten ziehen lassen, anfangs die ausufernden Ränder mit einer Siebkelle in ihrem Ausweitungsdrang zügeln. Auf einen Teller mit Küchentuch legen.

Dieses „einfache“ Gericht – garniert mit einer frischen Brioche- oder Toastscheibe – vergoldet jeden Ostersonntagmorgen. Frühling liegt in der Luft.

Empfehlung

Vom „Chicken-Consultant“ Nils Odefey angeleitet, finden Sie Freilandhähnchen – frei von jeglicher Massentierhaltung – und auch im Versand bei www.ochsenschlaeger.de, Telefon: +49-6245-5930

Text
Dieter Ilg

Veröffentlicht am unter 103, Jazz cooks
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