Neneh Cherry

Das eigene Erbe pflegen

Es ist wirklich wahr: „Broken Politics“ ist erst ihr fünftes Soloalbum. Erstaunlich, denn egal, wie alt man ist: Dem aufmerksamen Musikhörer begegnet Neneh Cherry auf jeden Fall. Im Gespräch mit Helmut Heuer erzählt die Tochter von Don Cherry, warum sich mit „Broken Politics“ (Smalltown Supersound/Rough Trade) ein Kreis schließt.

Neneh Cherry (Foto: Wolfgang Tillmans)

Mit Rip, Rig & Panic holte Neneh Cherry Anfang der 80er-Jahre Afro und Jazz in den Post-Punk. Auf „Buffalo Stance“ griff sie sich 1988 Malcolm McLaren als Sample und stürmte an die Spitze der Charts, mehr Punk im Pop ging nicht. „Homebrew“ und „Man“ waren durch die Mitwirkung von Michael Stipe, Gang Starr, Youssou N‘Dour und ungezählten weiteren Popkulturgrößen dann an Feuilletonrelevanz nicht mehr zu toppen, ein Rückzug fast unvermeidlich. Die Rückkehr dann 2012 ganz cool und up to date auf dem norwegischen Label Smalltown Supersound mit dem Trio The Thing und dem Art-Jazz-Statement „The Cherry Thing“, 2014 gefolgt vom vierten Soloalbum „Blank Project“.

Ihr neuestes Werk „Broken Politics“ scheint an der Oberfläche zunächst ein ruhiges, fast zurückhaltendes Album zu sein. Doch mit der Zeit wird es bunt, intensiv und laut, es werden essenzielle Dinge angesprochen.

„Das ist eine interessante Beobachtung“, freut sich Neneh Cherry. „Meine Herangehensweise an neue Aufnahmen ist in der Tat anfangs oft sehr sanft, obwohl meine Themen es ganz und gar nicht sind. Wenn ich dann etwas lauter werde, wird die Wirkung dadurch oft noch verstärkt. Für mich sind Musik und Kreativität immer Orte gewesen, die Sinn stiften. Kreativ zu sein und Musik zu machen, wäscht mich sozusagen rein, bringt Klarheit in meine Gedanken und Beobachtungen. Dabei hat es mir geholfen, dass ich seit ungefähr vier Jahren wieder in London lebe. Meine persönliche Geschichte fing hier vor langer Zeit an. Wenn es an der Zeit ist, wieder richtig kreativ zu werden, ende ich immer in London. Mein Mann Cameron und ich, wir haben hier unsere eigentliche Heimat gefunden.“

Ursprüngliche Energie

Wenn Neneh Cherry ihren Ehemann erwähnt, meint sie natürlich damit genauso ihren Songwriting-Partner Cameron McVey, eng im Portishead- und Massive-Attack-Umfeld vernetzt: Er ist seit „Buffalo Stance“ ein nicht wegzudenkender Eckpfeiler in Cherrys Karriere. Für „Broken Politics“ entschied sich das Duo, genau wie beim Vorgänger „Blank Project“, wieder mit Kieran Hebden (Four Tet) zu arbeiten. Denn als Neneh sich auf „The Cherry Thing“ neben Coverversionen von den Stooges, Ornette Coleman oder Suicide auch der Musik ihres Vaters widmete, schienen viele lose hängende Fäden wieder zueinanderzukommen.

„Wir müssen in unserem Leben ständig Dinge verarbeiten, um möglichst viele Fäden zusammenzuführen. Am Ende geht es darum, sein eigenes Erbe zu pflegen“, erzählt Neneh Cherry. „Ich sehe daher eine direkte Verbindung von ‚Broken Politics‘ zu ‚The Cherry Thing‘ zurück bis zu Rip, Rig & Panic. Und weiter dahin zurück, wo ich wirklich herkomme, zu meinen Wurzeln. Kieran habe ich während der Zeit zu den Aufnahmen von ‚The Cherry Thing‘ getroffen. Wir haben sofort eine Sprache gesprochen. Die neuen Songs habe ich allerdings zum großen Teil in meinem Haus hier in London vorbereitet. Als ich mit Cameron nach Woodstock flog, war alles vorbereitet. Klar improvisieren wir immer wieder mal oder ändern Passagen in den Songs, aber das Rückgrat des Materials steht. Kieran übernahm, und wir haben dann alles in Woodstock im Studio von Karl Berger eingespielt.“

Das ist eine Nachfrage wert, denn das Creative Music Studio (CMS) war in den 70er- und 80er-Jahren eines der weltweit anerkanntesten Studios für zeitgenössische Musik. Es wurde 1971 von Karl Berger, Ingrid Sertso und Ornette Coleman gegründet. Ein wirklich magischer Ort, an dem neben Don Cherry auch Allen Ginsberg, Ed Sanders oder das Art Ensemble of Chicago arbeiteten:

„Dort aufzunehmen ist so, als käme man zum Ursprung aller Dinge. Was mein Vater dort entwickelt hat, ist heute wieder so lebendig für mich. Es ist ein Teil des großen Puzzles, von dem auch ich ein Teil bin. Die Arbeit in diesem Haus verlieh mir eine unglaubliche Energie.“

Und wahrscheinlich gelang alles auch darum so gut, weil Kieran Hebden in Woodstock lebt?

„Ja, deshalb war es eine sehr selbstverständliche Angelegenheit, dort zu sein. In meinem Alter fühle ich mich einfach bewusster gegenüber den tieferen Verbindungen in meinem Leben. Es ist wichtig für mich zu erkennen, wie ich aufgewachsen bin und wo meine Wurzeln sind. Ich bin selber überrascht, festzustellen, wie intensiv diese Bindungen heute noch sind. Meine Eltern waren immer sehr fordernd. Trotzdem haben sie ihre Kinder immer voll positiver Energie von der Notwendigkeit überzeugt, für sich selbst einzustehen, die eigene Stimme zu finden und die eigene Kreativität zu entdecken. Ich denke, das hat es für mich sehr viel leichter gemacht, genau dieses Album einzuspielen.“

Neneh Cherry (Foto: Wolfgang Tillmans)

Eine von vielen

Wenn Neneh Cherry so intensiv über den Entstehungsprozess und die persönlichen Gefühle spricht, die zu „Broken Politics“ geführt haben, scheinen die Inhalte fast in den Hintergrund zu rücken. Doch „Broken Politics“ ist natürlich viel mehr als eine Reise zum eigenen Ich:

„Natürlich komme ich mit dem Album für mich nach Hause. Doch es führt auch ganz andere Dinge zusammen. Als wir das Album ordneten, haben wir darauf geachtet, dass wir eine Geschichte erzählen. Als wir zu ‚Natural Skin Deep‘ kamen, merkten wir, dass es einer der lauteren Tracks ist. Er hat dieses humoristische Element in sich. Es ist nicht wirklich eine Komödie, aber wie Kieran etwa die Sirene einsetzt, ist sehr symbolisch. Das hörst du bei jedem jamaikanischen Sound System. Die Steelband-Sounds sind genauso gut. Es ist der Party-Track des Albums. Ich habe mit Cameron in London die Lyrics und die Melodie geschrieben, im Prinzip habe ich den Text zuerst fast nur gelesen. Kieran hat dann diese Soundlandschaft daraus gemacht. Er hört sich alles zunächst ganz genau an, verschwindet dann in seinem Studio und kommt am nächsten Morgen mit einem Konzept zurück. Am wichtigsten sind mir aber die organischen Tracks wie ‚Synchronised Devotion‘. Ganz ehrlich, wir haben bei den Aufnahmen aber auch sehr viel gelacht. Im Prinzip haben wir an einem Montag angefangen, und am Freitag waren wir fertig. Wenn wir zusammen sind, harmonieren wir einfach gut miteinander. Die Sounds, die wir aussuchen, sind immer von Tagesereignissen oder unseren momentanen Gefühlen beeinflusst.“

Doch auch wenn ihre Songs auf aktuelle Themen wie Migration und Waffenmissbrauch Bezug nehmen, als Mahnerin oder politische Botschafterin sieht sich Neneh Cherry trotz des deutlichen Titels „Broken Politics“ nicht:

„Gebrochene Politik heißt für mich gebrochene Versprechungen. Wenn ich mich umschaue, sehe ich auf globaler Ebene kaum Lösungsansätze für unsere Probleme. Der generelle Geist der aktuellen Politik scheint auf eine merkwürdige Art von sich selbst gefesselt zu sein. Ich selber sehe mich nicht als politisches Sprachrohr. Ich bin einfach eine von vielen, die alle dasselbe fühlen. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, das zu erkennen und dadurch einen Weg zu finden, miteinander in einen Dialog zu kommen. Ganz praktisch geht es wirklich darum, auf internationaler Ebene wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich denke, dass viele Menschen gerade aufwachen und nicht mehr wollen, dass man ihnen irgendeinen Mist erzählt. Sie wollen eine positive Veränderung.“

Was ist es also, das von „Broken Politics“ bleiben soll? Es geht darum, zu lernen und vor allem darum zuzuhören, sagt Neneh Cherry,

„denn sonst werden wir die wirklichen Themen nicht ansprechen können. Es ist gerade nicht einfach, mit diesem Planeten klarzukommen und die globalen Veränderungen zu ertragen. Während der Reise durch sein Leben kommt man oft an Punkte, an denen man für eine gewisse Zeit gesättigt ist. Du kannst aber nicht weglaufen vor dem, was du bist. Ich suche also immer nach dem Ort, an dem ich mir bewusst werden kann, wer ich bin, damit ich Resonanzen und Stimmungen wahrnehmen kann, die ich sonst überhören würde. Das ist alles ein Teil der Reise, über die wir schon am Anfang gesprochen haben, ein Teil unserer Existenz. Es geht darum, von unserem Erbe zu lernen, um mit starker Stimme sprechen zu können.“

Text
Helmut Heuer
Foto
Wolfgang Tillmans

Veröffentlicht am unter 126, Feature, Heft

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