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Hans Lüdemann

Über Grenzen

Hans Lüdemann hat sich auf die Suche nach seiner Identität als europäischer Jazzmusiker gemacht. Wie schon mit „Die Kunst des Trios 1-5″ vor zehn Jahren schreckt der Pianist nicht davor zurück, mit einem aufwendigen, fünfteiligen Projekt seine Identitätsfindung zu dokumentieren, dem er dann den programmatischen Titel „On The Edges“ gegeben hat.

Hans Lüdemann (Foto: Krisztina Csendes)

2016 ist der in Köln lebende Schriftsteller Navid Kermani aufgebrochen zu einer Reise durch das östliche Europa bis in die Heimatstadt seiner Eltern, Isfahan im Iran, von wo aus diese 1959 in die alte Bundesrepublik Deutschland ausgewandert sind. Es ist eine Tour „Entlang den Gräben“, so der Titel seines 2018 erschienenen Buches: Gräben, die aktuell aufgebrochen sind oder längst von den Bewohnern der Länder im Osten Europas zugeschüttet wurden; Gräben, die überbrückt worden sind oder deren Brücken längst wieder eingerissen waren. Es ist eine Reise ins Innere der Menschen in diesen Ländern, um deren Gedanken und Gefühle, aber auch deren Befindlichkeiten und Widerstände zu erkunden.

„Navid Kermani hat Europa erforscht, indem er an den Grenzen entlang gereist, aber auch über Grenzen hinaus gegangen ist“, beginnt der Jazzpianist und Komponist Hans Lüdemann das Interview, zu dem wir uns verabredet haben, um über das neue Album „On The Edges Part I“ (BMC Records/Galileo MC) seines T.E.E. Ensembles zu sprechen.

„Auch und gerade weil er über Grenzen – über innere und äußere – geht und sich mit dem auseinandersetzt, was dahinter verborgen ist, werden bestimmte Sachen erst sichtbar.“

Mit vielen seiner Bands und Projekte arbeitet Lüdemann, 1961 in Hamburg geboren und seit 1982 in und bei Köln lebend, seit langem schon transkulturell – allen voran natürlich mit seinem afrikanisch-europäischen Trio Ivoire und dem Balafon-Spieler Aly Keïta. Deshalb lag es für ihn nahe, ein vergleichbares Projekt zu starten wie Kermani mit seiner Reportage-Reise, um sich so auf die Suche nach seiner europäischen Identität zu machen.

Europa zu feiern

T.E.E. Ensemble (Foto: Krisztina Csendes)

Die Elysee-Verträge 1963, unterschrieben vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, festigten vor fast 60 Jahren die Beziehung zwischen den einstigen Kriegsgegnern Frankreich und Deutschland und wurden zur Grundlage der europäischen Einigung. Zur Feier des 50. Jahrestages wurde Lüdemann 2013 gebeten, eine deutsch-französische Band zusammenzustellen und für sie Musik zu komponieren. In dem dabei entstandenen T.E.E. Ensemble (die drei Großbuchstaben nehmen Bezug auf den Zugklassiker Trans-Europ-Express, kurz TEE, der ab 1957 gut 20 Jahre zwischen den Staaten der damaligen „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ fuhr) standen sich vier französische Musiker*innen vier deutschen gegenüber: Yves Robert (Posaune), Alexandra Grimal (Saxofon), Théo Ceccaldi (Violine) und Sebastien Boisseau (Bass) auf der einen und Silke Eberhard (Saxofon, Klarinette), Ronny Graupe (Gitarre), Dejan Terzic (Drums) und er als Leader, Komponist und Pianist auf der anderen Seite.

Bis heute hat Lüdemanns T.E.E. Ensemble Bestand – nahezu in unveränderter Besetzung, nur der Franzose Régis Huby hat mittlerweile seinen Landsmann Ceccaldi an der Geige ersetzt. Wollte Lüdemann 2013 mit seinem T.E.E. Ensemble vor allem das Positive der deutsch-französischen Freundschaft feiern, so hat er später ein transkulturelles Konzept als Matrix entwickelt, um die ästhetischen und stilistischen Koordinaten seines Ensembles so miteinander zu verknüpfen, dass ein klares Bild einer als europäisch zu identifizierenden Improvisationsmusik gezeichnet werden kann.

An den Rändern

Majid Bekkas (Foto: Krisztina Csendes)

2018 hat Lüdemann begonnen, mit „On The Edges“ ein großformatiges Projekt auf den Weg zu bringen, dessen erster Teil mit dem Sänger, Guembri- und Oud-Spieler Majid Bekkas und Marokko als Thema gerade erschienen ist. Vier weitere Parts werden folgen. Schon fertig ist das Nordeuropa-Projekt mit skandinavischen Musiker*innen, aktuell bereitet er die Produktion eines Mittelmeer-Projektes mit italienischen Musiker*innen (unter anderem mit der Pianistin Rita Marcotulli) vor. Und zum Schluss geht es für ihn und sein T.E.E. Ensemble noch nach Ost- und Südosteuropa. „Unsere Identität als Europäer besteht eben nicht in der Abschottung“, ist Lüdemann überzeugt.

„Wir können uns als Gesellschaften in Europa nur weiterentwickeln, wenn wir auf unsere Nachbarn und Mitmenschen zugehen.“

Dass das nicht-europäische Land Marokko mit dem Gnawa-Musiker Bekkas „Part I“ seines aufwändigen „On The Edges“-Projektes ist, stellt für Lüdemann keinen Widerspruch dar. „Weil ich von der Musik und der Kultur Afrikas seit jeher so fasziniert bin, begegne ich diesen mit großem Respekt“, so Lüdemann.

„Ich bin viel in Afrika gereist und habe schon oft afrikanische Musik transkribiert. Wenn ich die Musik Simbabwes oder Ostafrikas mit der Marokkos vergleiche, ist das, was Majid auf Oud und Guembri spielt, zwar immer noch afrikanisch, aber schon ganz nah dran an Europa.“

Jazz, ein hybrides Wesen

Das Konzept für den marokkanischen Teil von „On The Edges“ ist denkbar einfach. Die ersten drei Stücke auf der Platte sind gleichsam Koproduktionen zwischen Bekkas, der diese komponiert hat, und Lüdemann, der sie mit Bekkas für das T.E.E. Ensemble arrangiert hat. Diese Kompositionen leiten das eigentliche Hauptwerk, eine fünfteilige Suite gleichen Namens wie die Platte, ein, in der ein musikkultureller Transfer zwischen den Europäer*innen und dem Marokkaner stattfindet. Die beiden Schlussstücke sind dann eine Art Nachhall und Echo auf das zuvor Gehörte. „Jazz ist ein hybrides Wesen, das war schon immer so“, sagt Lüdemann. „Majid ist ja in gewisser Weise Jazzmusiker, weil Improvisation auch zur Kultur Nordafrikas gehört. Da schreit es geradezu danach, ein Projekt zu realisieren, wie wir es mit ‚On The Edges Part I‘ getan haben.“

Dass Lüdemann bis Ende Juni 2022 ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo hat, ist zwar zufällig, dennoch bemerkenswert hinsichtlich seiner Identitätssuche als europäischer Jazzmusiker. Die Villa Massimo ist nicht nur die bedeutendste Einrichtung zur Exzellenzförderung der Bundesrepublik Deutschland, sondern folgt vor allem durch die Studienaufenthalte für deutsche Künstler*innen in Italien auch einem dezidiert europäischen Gedanken. Hans Lüdemann:

„Es war eine kleine Revolution, als die Jury mich als ersten deutschen Improvisationsmusiker für das Komponisten-Stipendium ausgewählt hat und ich zehn Monate in Rom leben und arbeiten kann. In der Villa Massimo hat jeder sein eigenes Atelier, dazu noch eine Wohnung. Man kann ganz für sich sein, aber auch die Gemeinschaft der anderen Stipendiaten suchen, wenn man will.“

Text
Martin Laurentius
Foto
Krisztina Csendes

Veröffentlicht am unter 144, Feature, Heft

Michael Wollny