Mitch Winehouse & Thilo Wolf Big Band - Swinging Cole Porter

Fantastic Negrito

Leben in der Balance

War es auf seinem Debütalbum „The Last Days Of Oakland“ vor vier Jahren noch der puristische Blues, der Fantastic Negrito zu einer elektrischen, wilden Interpretation des Genres inspirierte, ist es auf dem aktuellen Album „Have You Lost Your Mind Yet?“ (Cooking Vinyl/Indigo) der Funk. Damals dominierte noch die Ortsbestimmung innerhalb der Szene von Oakland, heute hat der mit zwei Grammys geehrte Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist seine Balance jenseits von Grenzen gefunden. Helmut Heuer sprach mit Fantastic Negrito über reinigende Wirkungen und die Heilkraft des Funk.

Fantastic Negrito (Foto: Lyle Owerko)

„Es sind verrückte Zeiten. Vor Kurzem verstarb John Prine an COVID-19. Ich habe ihn mehrmals getroffen und verehre seine Musik. Für mich war er einer der besten Geschichtenerzähler, die es je gab.“ Doch nicht nur die tragischen Ereignisse und mentalen Herausforderungen durch das neuartige Coronavirus beschäftigen Fantastic Negrito, auch zur sozialen Ungleichheit, zu Gender-Fragen und zum offensichtlichen Rassismus in den USA bezieht er Position:

>“In ‚Justice In America‘ sage ich: ‚Klar bekommst du Recht zugesprochen, aber nur solange du Geld hast.‘ Das muss man einfach mal laut aussprechen, denn es ist die Wahrheit. Wie krank ist eine Gesellschaft, in der einfach sinnlos und gewaltsam ein wehrloses Menschenleben genommen wird wie gerade in Minneapolis?“

Mit „Searching For Captain Save A Hoe“ rückt Fantastic Negrito die Diskussion um den dort zitierten Nineties-HipHop-Track von E-40 gerade: „Ich möchte meine Version als notwendigen Kommentar verstanden wissen. Denn ganz ehrlich: Richtet euren Blick auf die Männer, anstatt Frauen anzuklagen. Die Männer sind es, die in der Welt herumhuren.“

Mit einem „kollektiven“ Video zur Single „Chocolate Samurai“ sorgte er Ende März für viel Aufsehen: „Der ‚Chocolate Samurai‘ bin ja eigentlich ich. Die Idee, dass meine Fans sich für das Video im Lockdown filmen sollten, kam mir, als mir aufging, dass mein Album ‚Have You Lost Your Mind Yet?‘ heißt. Was für ein Titel in diesen Zeiten! Für mich ist es ein Aufruf zur Befreiung. Wir brauchen Einheit. Wir können es uns nicht mehr leisten, Menschen auszugrenzen“, erklärt Fantastic Negrito. „Deshalb wollte ich dieses Mal zuallererst für mich selbst einiges anders machen. Mein letztes Album ‚Please Don’t Be Dead‘ gewann zwar einen Grammy, doch viele Leute fragten mich: ‚Was tust du eigentlich? Ich habe ewig nichts mehr von dir gehört.‘ Schon der Aufnahmeprozess zu ‚Have You Lost Your Mind Yet?‘ hatte eine quasi reinigende Wirkung. Ich nahm zunächst alles alleine auf. Ich schrieb viel über meine seelischen Zustände und meine psychische Gesundheit. Das übte eine fast kathartische Wirkung auf mich aus. Einige der Spuren schafften es sogar in den finalen Mix, viele der Gitarren zum Beispiel. Aber auf einigen Instrumenten bin ich einfach nicht gut genug. Das machten dann andere am Ende besser“, lacht Fantastic Negrito.

Fantastic Negrito stellt Fragen, doch hat er auch Antworten auf diese gefunden? „Ja! Ich muss lernen, meine Ängste zu konfrontieren, und sie in Worte fassen. Ich habe gelernt, dass es ein Privileg ist, ein Künstler sein zu dürfen. Ich liebe die Idee, durch Musik mit den Menschen kommunizieren zu können, um sich ihren Problemen zu nähern. Damit sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs, beim Geschichtenerzählen: Kunst kann einen so großen Beitrag zur mentalen Balance leisten. Ich war überrascht, wie viele meiner Freunde oder einfach auch nur Menschen, die ich kenne, psychisch darunter leiden, dass sie mit dieser ausufernden Menge an Informationen, die täglich auf sie herabregnet, nicht klarkommen. Sie fühlen sich so sehr unter Druck, dass sie Ängste entwickeln. Sie halten dem Druck und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr stand und müssen dann Medizin zur Hilfe nehmen. Parallel habe ich auch meine eigenen Dämonen bekämpft. Darum dreht es sich das ganze Album hindurch.“

„These Are My Friends“, „All Up In My Space“ oder „King Frustration“ verraten schon im Titel, dass hier Dinge beim Schopf gepackt werden. Doch trotz der drängenden Fragen verliert „Have You Lost Your Mind Yet?“ nie den Atem. Fantastic Negrito hat alles unter Kontrolle. „Ich fühle mich nicht unter dem Druck, den ein Rapper oder ein Popkünstler hat. Ich fühle mich relativ unbeobachtet in meiner Arbeit. Schau, ich bin Jahrgang 1968, geradezu ein alter Mann“, schmunzelt Fantastic Negrito. „Das gibt mir viel Freiraum, die Platte zu machen, die ich wirklich machen will. Ich mag es, diese vielen unterschiedlichen Einflüsse miteinander zu verbinden. Und ich wollte dabei ‚funky‘ sein, darum ging es mir: Stevie Wonder, Curtis Mayfield, Sly Stone sind die Einflüsse, die dieses Album vorantreiben. I was in a funky mood.“

Text
Helmut Heuer
Foto
Lyle Owerko

Veröffentlicht am unter 135, Feature, Heft