30/70

Kollektiv vor Ego

Melbourne, Australien. Spätestens seit der Band Hiatus Kaiyote ist die Stadt bekannt für eine quirlige und sehr eigenständige Szene rund um die Eckpfeiler Jazz, Broken Beats, Soul, House und HipHop. Einzelne Musiker treiben ihre Soloprojekte voran und treffen sich auch immer in losen Jams mit anderen Musikern.

30/70 (Foto: Nat Jurjens)

Das Kollektiv 30/70 rund um den Schlagzeuger Ziggy Zeitgeist und Sängerin Allysha Joy hat nun auf dem Album „ART MAKE LOVE“ (Freedom Energy Exchange/Import) diesen Austausch, diese Mischung auf den Punkt gebracht, unüberhörbar beeinflusst von der Broken-Beat-Szene Londons der frühen Nullerjahre und doch mit weitaus mehr Songwritingqualität ausgestattet – und, sehr wichtig für die Protagonisten, unabhängig auf eigenem Label veröffentlicht.

„Die Anfänge von 30/70 waren geprägt von einer tief verwurzelten DIY-Mentalität und dem ständigen Wunsch, grenzenlos zu forschen, sich auszudrücken und zusammenzuarbeiten. Diese Platte erinnert an diese Zeit und bringt sie zurück in die Gegenwart – in der Hoffnung, dass sie andere daran erinnert, warum sie kreativ sind, etwas tun, das sie lieben, das ihnen Freude bereitet und das sie der Welt auf irgendeine Weise zurückgeben“,

so Allysha Joy, die auch als Solokünstlerin und wie sie selbst sagt autodidaktische Musikerin bereits mehrere Platten aufgenommen hat. Joys bluesig-rauchige Stimme prägt den Sound des Kollektivs, genauso wie der sehr gut transportierte Live-Charakter und das hohe Level aller Musiker des Albums. Es klingt durchweg so, als stehe die Band in persona auf der Bühne. „Kollektiv vor Ego“ als unausgesprochenes Motto und der Spaß am Spielen sind die Schlüssel dafür. Dazu noch einmal Allysha Joy:

„Wir expandieren zusammen, indem wir ziemlich starke Werte haben, die im Ethos der Band leben. Und in Zeiten, in denen die Dinge schwierig werden, können wir uns auf diesen Schwerpunkt zurückbesinnen und festigen, was das Herzstück der Verbindung und der Musik ist. Ein Beispiel dafür ist die gegenseitige Unterstützung bei unseren Soloprojekten. Als Individuen ändern wir ständig unseren Kurs, probieren Sachen aus. Wir versuchen einfach, persönlich miteinander in Verbindung zu bleiben, indem wir Mahlzeiten und Geschichten, Schwierigkeiten und Gedanken miteinander teilen. Das ist genauso wichtig wie die Musik.“

30/70 erzählen so das nächste musikalische Kapitel Melbournes.

Text
Michael Rütten
Foto
Nat Jurjens

Veröffentlicht am unter 148, Feature, Heft

Deutscher Jazzpreis 2024