In der Tonart des Lichts

Stevie Wonder, Hannover, 24.10.2026

Mit fast 30köpfiger Band brachte Stevie Wonder sein Jahrhundertalbum „Songs In The Key of Life“ auf die Bühne. Es waren seine ersten Auftritte in Deutschland seit 16 Jahren – und ein Erlebnis für die Geschichtsbücher.

Stevie Wonder, 24.10.2026, Hannover

Als er sich nach einem dreistündigen Marathon von den überaus glücklichen Zehntausend verabschiedet, tut er das mit den Worten: „Ermöglicht dem Leben einfach wieder die Liebe. Und: Wählt die Leute, die den Planeten erhalten wollen.“ Eine zeitlose, simple Mahnung, und so bitter es ist: Wir haben sie ganz offensichtlich in den letzten 50 Jahren sehr oft verhallen lassen.

Die USA im Jahre 1976: Die Nixon/Ford-Ära neigt sich dem Ende zu, das Land ist gekränkt durch das Fiasko in Vietnam, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation kündigen eine Neuordnung an. Und mittendrin ein Album, das von Liebe in all ihren Schattierungen, von der Zwiesprache mit Gott und Fürsprache für die African American Community geprägt ist. In jahrelanger Detailarbeit hatte Stevie Wonder, damals einer der erfolgreichsten und kreativsten Popmusiker überhaupt, seinen Meilenstein „Songs In The Key Of Life“ taktweise entworfen, 130 Musiker von Rang und Namen, unter ihnen Herbie Hancock oder George Benson, waren daran beteiligt. Es zum 50. Jubiläum in seiner epischen Gänze auf die Bühne zu bringen, muss für einen 76-Jährigen eine Herkulesaufgabe sein. Doch es war ein lang gehegter Traum für ihn, und das Werk passt in die heutige Zeit noch mehr als damals, wo die Heimat Wonders zwar angezählt war, aber nicht von einem irrationalen, postfaktischen Menschenhasser zerrüttet.

Bei seinem ersten Auftritt seit 16 Jahren in Deutschland spart die Soul-Legende nicht an Material: Die Kern-Band wird umgeben von einem sechsstimmigen Chor, einer Hornsection von fünf und einem Streicherensemble von acht. Zwei damals schon beteiligte Musiker hat Wonder mit dem stoischen Bassisten Nathan Watts und dem Keyboarder Greg Phillinganes an Bord, letzterer zugleich der Musical Director dieses dramaturgischen Mammut-Unternehmens. Und trotzdem: Das Bühnengeschehen ist meilenweit entfernt von den vielen technischen Machtdemonstrationen der jüngeren Popgeschichte.

Wie das Album kommt auch die Show nur langsam in Gang, doch das ist innerhalb des Spannungsbogens einkalkuliert: „Love‘s In Need Of Love Today“ ist ein warmer, gospeliger Prolog, gefolgt vom Slow Funk „Have A Talk With God“, mit dem 20jährigen Sohn Mandla Morris als Sparringpartner, und dem sozialkritischen „Village Ghetto Land“. Hier die erste Überraschung: Die wimmernden Keyboards vom Album ersetzen die Strings, verleihen der Anklage der Missstände kammermusikalische Würde. In Fahrt kommt das Arena-Publikum, als nach dem Instrumental-Kracher „Contusion“ die Bläser „Sir Duke“ ankündigen und – ohne dass die LP-Seite gewechselt werden muss! – das markante Ostinato von „I Wish“ nahtlos die Stimmung oben hält.

Stevie Wonder – Songs In The Key Of Life (Cover)

Wonders Stimme, das ist zu diesem Zeitpunkt klar, hat erstaunlich viel Beweglichkeit, an Geschmeidigkeit behalten, genauso wie sein Keyboard-Spiel, das rhythmische Präzision mit Lust an Soundeffekten paart. Launig kommuniziert er mit den Zuschauern, lehrt sie die souligen Schleifen, leitet dann mal kurz – Elvis als Vermittler deutschen Volksliedgutes? – „Muss I Denn zum Städele hinaus – an. Im raffinierten Tonartenkarussell von „Summer Soft“ packt ihn der Ehrgeiz, doch die beiden oberen Halbton-Rückungen schafft er dann doch nicht mehr so ganz lupenrein. Die Trübung ist schnell vergessen, denn jetzt müssen wir endlich über den sagenhaften Chor der vier Frauen sprechen, unter ihnen seine erste Tochter Aisha. Wie sie sich in „Ordinary Pain“ zu rachelustigen Megären emporschrauben! Und wie sie – obwohl selbst nicht schuldlos – dem Mann, der sich im Trennungsschmerz suhlt, die Leviten lesen, das ist ein Moment für die Geschichtsbücher. Wow, wir müssen durchatmen. Doch es gibt kaum Zeit dafür: Denn plötzlich findet Stevie Wonder sich auf der Videoleinwand in einer Art Siebziger-Raumschiff wieder, im dezenten Laserstrahl-Gewirr unterwegs zum „Saturn“. Eine unterschätzte Nummer, in der er eine spacige Utopie von einem besseren Planeten entwirft. Nur auf der beigegebenen EP war das Stück damals enthalten, ebenso wie „Ebony Eyes“, mit dem er am Honky-Tonk-Piano anschließt.

Hier könnte die Show guten Gewissens zu Ende sein – doch da sind ja noch zwei weitere Plattenseiten aufzulegen! Nach der Pause erst einmal Familienleben: Papa Stevie, so ziemlich der krasseste Gegenentwurf zu einem Patriarchen, zeigt Fotos aus der Dia-Kiste von seinen zehn (!) Kindern. Es ist die Einleitung zu „Isn’t She Lovely“, seinerzeit für seine älteste, Aisha, geschrieben, und zwei kleine Mädchen aus München dürfen auf die Bühne und ihre Rolle einnehmen – augenzwinkernder Klau der Harmonika inklusive. Von ihnen hat er ganze fünf auf dem Flügel liegen. Sie sind – mehr denn je – seine zweite virtuose Stimme in den Lagen, in die seine eigene nicht mehr reicht. Welche unterschätzten Deep-Funk-Qualitäten „Songs In The Key Of Life“ hat, erweist sich in seiner epischen Hymne an den „Black Man“, das als Unterrichtsmaterial für alle dienen müsste, die immer noch von einer White Supremacy träumen. Hier wächst die Band zu einem einzigen organischen Biest zusammen.

Ein Zusammenwachsen speziell der Vokalisten gibt es dann nochmals im Zulu-Stück „Ngiculela“ eindrückliche Klicklaut-Demonstrationen vorausgeschickt. Stevie reiht sich in die Riege seines Chors, stimmt mit ihm sogar mal kurz den Sister-Sledge-Kracher „We Are Family“ an. Dass dieser schöne Titel dann mit einem offensichtlich kaputten Lap-Steel-Gadget ein wenig auseinanderfällt: geschenkt. Mit intimen Momenten ein Einschwenken auf die Zielkurve: „Easy Goin‘ Evening“ fängt einen wunderbaren Moment zwischen Harmonika und Melodika auf, den sich Wonder und Phillinganes schenken, und mit einem wunderbaren Bratschensolo tritt ein Mitglied aus den Kammerstreichern heraus, die in der zweiten Show-Hälfte leider gequetscht und im Hintergrund agieren. Mit der Harfenistin Brandee Younger geht es nochmals in einen ganz verhaltenen, zärtlichen Moment hinein, bevor „As“ als ewiger, epischer Gospel-Liebesschwur die Leute endgültig von den Sitzen hebt.

Es ist aber nur die Vorstufe zur Zündung von „Another Star“: Eine Latin-Party, in der die Bläser und vor allem die Perkussionisten-Abteilung glänzen, und eine Soul-Polonaise des Chors das Gemeinschaftserlebnis krönt. „We are not in the alignment“, hat Stevie Wonder während der Show einmal doziert, und er meinte die Menschheiz, der sich aus der Logik und Natürlichkeit der Schöpfung ausgeklinkt hat. Wir müssen zurückfinden zu diesem Alignment. „There might be another star, but through my eyes the light of you is all I see“. Es könnte einen anderen Stern geben, aber das Licht des unsrigen, unserer Heimat ist alles, was wir sehen. Und was wir haben. Es wäre tragisch, wenn wir ihn zerstörten. Sähen wir so viel Licht wie Stevie Wonder, die Welt im Jahr 2026 wäre eine andere.

Text
Stefan Franzen
Foto
Stefan Franzen

Veröffentlicht am unter 166, Feature, Heft

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