Reza Askari

Alte Liebe

Was macht ein Metal-Album aus? Packende Riffs von einer Armada elektrischer Gitarren? Donnernde Drum-Salven? Ein charismatischer Shouter? Hooks, die ein ganzes Leben nicht mehr aus dem Ohr gehen? Oder braucht es nichts von alledem? Reza Askari gibt auf seinem neuen Album „xAYb v8v dYAx“ (Boomslang/Galileo MC) eine verblüffende Antwort.

Reza Askari (Foto: Ferry Mohr)

Eine Schlängellinie aus Klarinette und Trompete, auf die sich hinter wenigen Biegungen Bass, Schlagzeug und erst verhalten, dann immer offensiver ein Vibrafon setzen. Sie führen das Ohr in ein Labyrinth ohne ersichtlichen Ausgang, eine Welt voller Rätsel, die nach Lösungen verlangen, ohne selbige zu versprechen. Die Musik wirkt wie ein Weihnachtskalender, bei dem man vergeblich nach den Türchen sucht. Willkommen auf dem musikalischen Fantasy-Island des Kölner Bassisten und Komponisten Reza Askari, das zugleich eine der friedlichsten Dystopien der jüngeren Musikgeschichte umfängt. Askari setzt sich mühelos über alle Regeln einer musikalischen Tektonik hinweg und entwirft seine eigene Topografie.

Aber wie antizipiert und komponiert man eine solche Musik? „Wenn ich das wüsste“, entfährt es dem Bassisten, der sogleich unter seinem langen Bart in schallendes Lachen ausbricht. „Der Weg war auf jeden Fall wahnsinnig anstrengend. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich kein studierter Komponist bin. Mir fehlt es schlicht an den Baukasten-Prinzipien, die mir sagen: Wenn du dies machst, passiert jenes. Ich bin kein ausgewiesener Schreiber wie Ed Partyka oder Niels Klein, die so ein Riesenwissen über Musik haben, dass sie da ganz anders herangehen können. Ich stochere eher im Nebel und probiere so lange herum, bis es mir gefällt.“

In diesem Fall ist das tatsächlich kein Understatement. Askari zieht eine klare Demarkationslinie zwischen seinen eigenen musikalischen Visionen und dem fertigen Ergebnis, zu dem Klarinettist Stefan Karl Schmid, Trompeterin Lina Allemano, Vibrafonist Christopher Dell und Drummer Fabian Arends jeweils ihren ganz entscheidenden Teil beitragen. Der Bassist umgibt sich gezielt mit Freigeistern, die in seinem Ideenkosmos ihre eigenen Umlaufbahnen finden. Das Album entstand in einer Phase turbulenter Umbrüche in Askaris Leben, viel Zeit zum Konzipieren blieb nicht, Entscheidungen mussten schnell und nachdrücklich getroffen werden. Wo er andere Komponisten um ihr Wissen beneidet, konnte er selbst sich auf seinen Instinkt verlassen, aber Instinkte sind dem Intellekt ja manchmal weit überlegen.

Und da kam Askaris Jugend ins Spiel. „Ich bin ja eigentlich mit Metal aufgewachsen“, räumt er fast etwas verschämt ein, nimmt dann aber schnell Fahrt auf. „Auch Punk, Stoner Rock, Grunge und stellenweise HipHop gehören zu meiner Sozialisation mit Musik. Auch wenn ich über viele Jahre einen anderen Weg gegangen bin, dachte ich mir, dass ich das irgendwie in mein musikalisches Leben zurückholen kann. Nun klingt die Musik, die ich in meiner Jugend gehört habe, ganz anders als das, was ich derzeit mache. Also suchte ich nach Gemeinsamkeiten und einem Weg, Dinge, die mir damals wichtig waren, in meine heutige Musik einzuweben.“

Als Referenzpunkt diente Askari die amerikanische Metal- und Mathcore-Band Car Bomb. Die Gruppe arbeitet mit ausgeklügelten mathematischen Systemen, die der Kölner zu entschlüsseln suchte. Das gelang ihm nicht auf Anhieb, aber davon inspiriert, entwickelte er ein eigenes System von Symmetrie, das nicht zuletzt in dem kryptischen Albumtitel zum Ausdruck kommt. „Der Titel war eine Blaupause für mich, an den ich mich aber nicht sklavisch halten musste. Auf einem Zettel entwarf ich verschiedene Systeme von Symmetrie, mit denen ich Rhythmen einteilen kann. Dadurch kam ich auf eine Reihe von Formen, die ich immer weiter variieren konnte. Bei manchen Stücken ist das etwas klarer, bei anderen wiederum nicht ganz so deutlich.“

Reza Askaris Affinität zu Metal, Punk und Grunge kommt nicht zuletzt in dieser Rebellion gegen gängige Kompositionsvorgaben zur Geltung. Mit dem offenen Bekenntnis zu seinen Obsessionen tut er sich indes ein wenig schwer, weil er viel zu oft höre, da sei ja gar keine Gitarre dabei. In der Tat macht dieser Umstand es nicht ganz einfach, seinen Ansatz beim Hören nachzuvollziehen. Aber gerade in dieser schier unlösbaren Quadratur des Kreises sieht der Abenteurer Askari seine größte Herausforderung. Und diese gibt er so ungefiltert an seine Hörer weiter wie eine Drei-Akkord-Ur-Punk-Band.

Text
Wolf Kampmann
Foto
Ferry Mohr

Veröffentlicht am unter 165, Feature, Heft