David Giesel

Bei der Musik zu Gast

Wie weit ist der Weg von einem kleinen Dorf im Breisgau in die große weite Welt des Jazz, von der rohen Energie von AC/DC hin zu einer komplexen Klangwelt aus Groove, moderner Harmonik, Offenheit und Raum? David Giesel hat ihn absolviert und weiß nun, dass es immer und überall Verbindungen gibt, und seien die Ziele noch so weit auseinander. Den Schlagzeuger reizt das Unbekannte. Und sein Vorsatz passt perfekt zur „Jazz thing Next Generation“: Erst spielen, später verstehen.

David Giesel – Echoes Of The Unknown (Jazz thing Next Generation Vol. 113, Cover)

Basel gilt als das Trommler-Biotop schlechthin. In kaum einer anderen Stadt gibt es mehr aktive Schlagwerker, was vor allem an der Basler Fasnacht liegt, bei der Trommler drei Tage lang mit Piccolo-Spielern durch die Stadt ziehen. Hier lernen Kinder das rhythmische Handwerk schon früh in Vereinen, und es gibt eigene Trommlerschulen sowie Wettbewerbe.

Dass sich ein leidenschaftlicher Schlagzeuger wie David Giesel in der „Metropole der Rhythmen“ pudelwohl fühlen muss, sollte deshalb niemanden überraschen. Am hiesigen Jazzcampus kann er mit so hochkarätigen Lehrern wie Jeff Ballard, Jorge Rossy und Larry Grenadier tief in die Wurzelgeflechte der Metren, Beats, Tempi und perkussiven Möglichkeiten vordringen. „Das mit den Rhythmen fasziniert mich schon, seit ich sechs Jahre alt war“, erzählt Giesel, der aus dem kleinen Dorf Feldkirch im Breisgau, etwa vier Kilometer von der französischen Grenze entfernt, stammt. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater und ich im Fernsehen AC/DC und Angus Young angeschaut haben. Dabei ist so viel rohe Energie und pure Freude rübergekommen, davon zehre ich bis heute!“

Der Faktor „Zufall“ stand wie so häufig Pate, als der junge Drum-Derwisch irgendwann doch noch die Kurve vom Heavy Metal zum großorchestralen Jazz bekam. Weil eine Freiburger Amateur-Bigband eines Tages per Zeitungsannonce einen Schlagzeuger suchte, hatte der Papa den damals 16-jährigen David animiert, einfach mal vorbeizuschauen – es sollte der Beginn einer bis heute andauernden, intensiven Leidenschaft werden. „Ich hatte das Glück, dass das Orchester von dem Organisten Thomas Bauser geleitet wurde. Und der mochte nun mal Count Basie“, erinnert sich der heute 30-Jährige. Von da an veränderte sich sein musikalischer Horizont vom lauten Eindimensionalen hin zu mehreren Schichten und Farben, auch seine Vorstellung von der Rolle eines Drummers begann sich sukzessive zu verändern.

„Ich habe plötzlich gespürt, welche Freiheiten man bei so etwas haben kann. Außerdem fand ich die Komplexität echt faszinierend. Ich arbeite immer noch daran, mein Ego auszuschalten, weil ich Musik für die ganze Band schreiben und ein Teil von ihr sein will.“

Den Übergang verträglicher machte früher die Liebe der Frau Mama zur mild swingenden Popsängerin Sade, die häufig zu Hause lief. Nach dem Bachelor-Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart bei Fabian Arendts und Eckhard Stromer griff Giesel schließlich Paulo Almeida in Basel als Mentor beim Ordnen und Realisieren seiner wild umherfliegenden Ideen unter die Arme. Denn ein Titel für ein Debütalbum wie „Echoes Of The Unknown“ (Double Moon/Bertus), das mit Albin Ormegard (Gitarre), Moritz Langmaier (Piano/Keys) sowie Thomas Fuller (Kontrabass) an zwei Tagen Anfang Januar auf dem Jazzcampus in Basel entstand und das Almeida zu produzieren half, wirft mitunter mehr Fragen auf, als es Antworten liefert: Wo liegt dieses Unbekannte?

David Giesel (Foto: Dovile Sermokas)

Die Ungewissheit, sagt der 113. „Jazz thing Next Generation“-Protagonist, sei ihm stets Antrieb gewesen. Eine Reise, die nur mit Freunden wie Ormegard, Langmaier und Fuller gelingen konnte. Jeder kannte seinen Part. Das Stück „Try And Error“ zum Beispiel eröffnet Giesel mit einem Drum-Groove ohne Plan. Es gibt keinen formalen Gedanken, keine bewusste Entscheidung, Hände und Füße bewegen sich. „Erst im Nachhinein wurde mir klar, was da geschehen ist. Eine für mich vertraute Arbeitsweise: Erst spielen, dann verstehen. Die Erkenntnis entsteht durch das Tun.“

Vieles fühlt sich wie ein Zustand an. Oder wie ein Tagtraum, exemplarisch nachzuhören in „Daydream“. Oder wie ein Moment, in dem sich Musik von selbst formt, wie in „Moods“, in dem Dae Bryant mit seinen Spoken Words ein nachdenkliches Fenster öffnet. „Oft habe ich mich von Joey Barons Worten leiten lassen: Musik ist wie ein Haus, und du bist nur ein Gast darin“, schreibt David Giesel in seinen Liner Notes. „Man betritt es mit Achtsamkeit, respektiert den Raum und reagiert auf das, was geschieht.“ Noch eine Frage: Warum reift diese vorausschauende, weise Erkenntnis eigentlich vor allem bei Schlagzeugern?

Jazz thing präsentiert
David Giesel
06.06.26 Düsseldorf, Lovebird Festival
18.02.27 Friedrichshafen, Jazzport
24.02.27 Dresden, Blue Note

Bitte besuchen Sie für weitere Daten die Künstler-Website davidgiesel.com

Booking MaWeMarketing | Martina Weinmar

Text
Reinhard Köchl
Foto
Dovile Sermokas

Veröffentlicht am unter 164, Heft, Next Generation

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