The Klezmatics
Global But Local
Die Klezmatics sind zurück. Zehn Jahre nach ihrem letzten regulären Album „Apikorsim = Heretics“ feiern sie ihr 40-jähriges Bandjubiläum mit „We Were Made For These Times“ (Asphalt Tango/Indigo). Doch bei allem Grund zum Feiern wären die Klezmatics nicht sie selbst, würden sie bei dieser Gelegenheit nicht auch mit einer Mahnung in die Offensive gehen.
Schon das Cover verrät: Jetzt ist Schluss mit lustig. Das Artwork erinnert an ein expressionistisches Kampfplakat aus den 1920er-Jahren. Gleich im ersten Song zitieren sie mit Georg Herweghs Ausspruch „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ eine Losung der deutschen Arbeiterbewegung von 1863. Wie gewohnt haben sie viele Gäste dabei, unter ihnen den krimtatarischen Jazzgitarristen Enver Izmailov, einen LBGTQ-Gospel-Chor, die beiden Jazzgrößen James Brandon Lewis und William Parker, die Sängerinnen Janis Siegel und Sofia Rei sowie Downtown-Gitarrenlegende Danny Blume. Darüber hinaus reisen sie mit dieser Platte von New York bis Mexiko, von Berlin bis zur Krim, von Bulgarien bis nach Afrika.
„We Were Made For These Times“ ist im besten Sinne des Wortes ein Diasporaalbum. „Während der Pandemie entdeckte ich ein Gedicht von David Edelstadt, einem Anarchisten und Arbeiterdichter des 19. Jahrhunderts, das wir für ein Onlineevent vertonten“, erinnert sich Sänger und Multiinstrumentalist Lorin Sklamberg.
„Als wir weitere Lieder für ein Album schreiben wollten, beschlossen wir, diese Richtung fortzusetzen und die Welt zu beschreiben, die wir mit unseren Augen sehen: Lieder der Hoffnung, Lieder der Wut und Lieder der Mutlosigkeit. Wir hatten das Gefühl, die Welt braucht ein Statement. Es ist auch ein Porträt unserer selbst, denn mit unseren Liedern sagen wir, wer wir sind.“
Trompeter Frank London hat seine eigene Geschichte zur Entstehung des Albums parat: „Wir kommen aus New York. In New York zu leben, heißt, auf der ganzen Welt zu leben. Unsere Musik ist gleichzeitig global und lokal. Wir haben so viele unterschiedliche Gäste dabei, und mit einer Ausnahme kommen sie alle aus New York. Mehr noch, wir haben zu all unseren Gästen eine persönliche Beziehung. Es ist also auch universal und persönlich. Als Klezmatics haben wir beschlossen, mit einer bestimmten kulturellen, linguistischen, musikalischen Heimat identifiziert werden zu wollen. Wir leben, lehren und studieren es, indem wir uns mit allen Menschen oder Gruppen in Verbindung setzen, die auf die gleiche Weise mit ihrer eigenen Identität umgehen. All unsere Gäste und wir verstehen sich und uns als Individuen und zugleich als Repräsentanten der Kultur, die wir gewählt haben.“
Manchmal sind es winzige Nuancen, die eine starke Aussage treffen. Der Titel dieses Albums lautet ja nicht „We Were Made For This Time“, sondern „We Were Made For These Times“. Klingt sehr ähnlich, macht aber gerade in Zeiten von TikTok und Instagram einen großen Unterschied. „Wir wollen damit deutlich machen“, so Sklamberg, „dass wir nicht aus dem Nichts kommen. Wir folgen einem Konzept und einer Erfahrung, die schon lange vor uns da waren. Wir sind nicht nur Teil dieser kleinen New Yorker Community, in der wir uns bewegen, sondern gehören zu einer viel größeren Welt. Jedes Lied hat seine eigene Dringlichkeit. Dazu brauchen wir nicht immer einen Text. Manche Songs sind Instrumentals, aber sie erzählen von denselben Dingen, die uns bewegen. „Elegy For The Innocents‘ ist zum Beispiel ein Tongedicht über die Tragödie der Opfer von Kriegen, die keinerlei Einfluss auf das Geschehen haben. Auf diese Weise sprechen wir.“
Zunächst einmal gehe es um die Zeit, in der wir uns gerade befinden, betont Frank London. „Aber wir bewegen uns zu jedem Zeitpunkt durch die Geschichte. Das heißt, im Jetzt müssen wir immer auf das Nächste vorbereitet sein. Würden wir sagen „this time‘, dann ginge es um ein einmaliges Ereignis. Leider haben wir ähnliche Situationen in der Welt schon zuvor erlebt. Wenn wir von „these times‘ reden, sind das Zeiten der Krise und des Kampfes. Wir haben es zurzeit mit Faschismus und Diktatoren zu tun. Das gab es auch schon früher, was es weder besser noch schlimmer macht. Aber es ist ein historischer Fakt.“
Wenn sich ein roter Faden durch das Album zieht, dann ist es Widerstand. Indem die Klezmatics alte Weisen vom Missbehagen über gesellschaftliche Zustände ausgraben und ihnen ein Gewand für die Gegenwart verpassen, zeigen sie, dass sie auch nach 40 Jahren nichts von ihrem Kampfgeist verloren haben. Protestsongs sind zwar aus der Mode gekommen, aber „We Were Made For These Times“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass sie immer noch funktionieren. Am Ende aber geht es darum, trotz all dieser klaren Standpunkte mit der Musik Freude zu verbreiten.







